michaelhelming

die vorläufig letzte Fassung der Gegenwart


Tombaroli (2005) PDF Drucken E-Mail

Für neuen Schneefall viel zu kalt. Zwischen kahlen Eichen und verdrecktem Eis verhallt langsam der Schall. Igor reicht Yamal den Wodka. Hier drinnen ist es auch nicht wärmer. Kevin wühlt in seiner Plastiktüte, zündet einen weiteren Knallfrosch, den er direkt vor Igors Füße wirft. Die Flasche macht die Runde und erreicht Kevin. Man hätte Sound mitnehmen sollen. Blindgänger werden belächelt.

Ferien sind einfach immer zu kurz. Da ist man sich einig. Yamal zieht im Schein der beiden Kerzen von neuem die Pistole aus der Tasche und bringt den Aufsatz für die Leuchtmunition an. Er zielt durch die halboffene Tür in die Dunkelheit. Einen Heidenlärm macht das Ding, doch das dürfte heute niemanden stören. Der Schuss verfängt sich glühend im Gestrüpp. Kevin glaubt, Schritte gehört zu haben und Igor findet, es ist, wie wenn man Nachts allein durch die Schule geht. Im Altbau hören sich Schritte so laut an. Aber hier ist es irgendwie besser. Wie wenn man im Spiel mehrere Leben hat oder sich unsichtbar machen kann. Schon ein cooler Level. Man ist allein auf sich gestellt, dabei mächtig und unbesiegbar. Alle anderen gehen in Deckung oder nehmen Reißaus. Kevin muss sich geirrt haben. Yamal schlägt vor, das Bengalische Feuer schon mal anzutesten. Irgendwann geht sowieso überall der große Krach los. Bisher fliegen nur vereinzelt ein paar Raketen. Der Wodka schmeckt nicht besonders, obwohl er kalt ist.

Dann war da noch dieser Ausflug gewesen. Exkursion, nennt das der Maier. Er ist Klassenlehrer in der Parallelklasse. Kevin, Igor und Yamal haben bei ihm nur Erdkunde und Geschichte. Die ganze Jahrgangsstufe musste mit. Über siebzig Schüler in diesem winzigen Museum, wo es nichts Interessantes zu sehen gibt. Der Heimatverein hütet dort das Andenken an den alten Kapitän, nach dem hier in der Gegend einige Straßen und öffentliche Gebäude benannt sind. Der Maier spricht immer vom Namenspatron unserer Schule.

Man kann sich seine Taschenuhr und sein Fernrohr ansehen und es gibt einen ganzen Raum, voll mit Orden und Urkunden, die man ihm irgendwann mal umgehängt hat. Der Kapitän ist ziemlich reich gewesen. Eine Riesenvilla hat er gehabt. Die steht schon lange nicht mehr. Aber es gibt jede Menge Fotos und Artikel aus alten Zeitungen. Jahrelang fuhr der Kapitän große Segelschiffe auf der Ostasienroute für den Norddeutschen Lloyd. Und als der Kaiser eine Brücke eingeweiht hat, durfte der Kapitän neben ihm auf der Tribüne stehen.

Einige sind früher schon mal mit ihren Eltern dort gewesen. Ohnehin haben sich alle nur dafür interessiert, wer wo und mit wem Silvester feiert. Zwei Tage vor den Ferien kein Wunder. Kevin, Igor und Yamal hatten sich für keine Party entscheiden. Klar, dass die drei natürlich was zusammen machen würden. Sie hatten was ganz großes vor, wie es hieß. Nur was, wusste niemand.

Ein Knallfrosch tanzt über die Marmorplatte, reißt dabei ein paar Spinnweben mit. Der Wodka ist gekillt, wie Yamal sagt. Der Sekt soll allerdings bis Mitternacht eisern unter Verschluss bleiben. Igor findet es seltsam, sagt er, dass Heimat so fremd sein kann, dass man sie im Museum ausstellt. Das fühlt sich doch irgendwie an wie das Gegenteil von Heimat. Über Heimat muss man eigentlich nicht nachdenken, findet er.

Die Pistole ist inzwischen unbrauchbar, denn die Leuchtpatronen sind alle. Yamal muss sie seinem Vater vorsichtig wieder unterschieben. Hoffentlich war die Munition nicht abgezählt. Wenn sein Vater von Heimat spricht, kann Yamal meist nicht viel damit anfangen. Er hat Persien nie gesehen. Ein Land, dass es auf keiner Karte gibt. Der Maier bringt viele Karten mit in den Unterricht. Man sieht ihn fast nie ohne Zeitung unterem Arm. Am liebsten redet er über Etrusker und Römer.

Überall haben sie Karten an den Wänden, auf denen die Schifffahrtsruten eingezeichnet sind, auf denen der Kapitän unterwegs war. Dazwischen die ganzen Orden und Urkunden. Auf einem großen Bild sieht man den Kapitän als Toten. Aufgebahrt, zwischen Kerzen, die Hände auf dem Bauch verschränkt. Sie haben einen Gipsabdruck von seinem Gesicht gemacht und dann haben sie ihn in einen Bleisarg mit Glasfensterchen gelegt. Auf dem Friedhof hier hat er einen großen Grabhügel mit einer richtigen Gruft. Da liegt er in seinem Sarg und seine Frau und die Kinder sind auch da. In kleinen Wandnischen stehen ihre Urnen. Neben dem Eingang gibt es zwei große Gedenktafeln. Damit man weiß, wer wer ist, hätte Kevins Opa jetzt gesagt.

Kevins Opa hat in seinem ganzen Leben nur einen Orden und eine Urkunde bekommen. Den Orden im Krieg und die Urkunde für vierzig Jahre Betriebszugehörigkeit beim Lloyd. Kevins Vater war auch bis zur Werftenkrise im Schiffbau. Daher kennt er auch Igors Vater. Dem war schon immer egal, ob Wolga oder Weser. Hauptsache einen Fluss vor der Tür und Arbeit. Kevins und Igors Vater waren sogar einmal in der Zeitung. Als sie zusammen auf der Queen Elizabeth II gearbeitet haben. Ihre Namen standen nirgendwo, aber auf dem Foto konnte man sie ganz gut erkennen. Kevin, Igor und Yamal waren noch nie in der Zeitung.

Man hatte vergessen, Luftschlangen zu kaufen. Die Urnendeckel lassen sich ganz leicht abschrauben und Kevin fragt sich, ob er sich überhaupt an ein Silvester ohne Luftschlangen erinnern kann. Es ist Zeit für gute Vorsätze. Der Sekt wird geöffnet. Es gibt aber keine Gläser. Also wird nicht angestoßen. Die leeren Flaschen sollen als Raketenabschussrampen dienen. Inzwischen ist es schade, dass kein Wodka mehr da ist, gegen die Kälte.

Dann bewegt sich der Himmel und er strahlt dabei in bunt bemahltem Donner. Asche segelt durch die Luft, wie Konfetti, geworfen, aus pechschwarzen Händen. Dazwischen kleinste Knochensplitter, an denen man sich leicht schneidet. Schnell ist mit dem Ellenbogen das kleine Glasfensterchen durchschlagen und der Kapitän hat einen Knallfrosch im Mund. Keinen Blindgänger. Ihm fällt der Kiefer ab, während die Nacht aufleuchtet, knallt, zischt, und dann - sich der Stille besinnend - wieder in Dunkelheit zurückfällt. Der Ellenbogen blutet und man kann kleine Scherben aus der Haut ziehen. Der Maier sagt, dass die ganze Menschheitsgeschichte hindurch immer Blut geflossen ist. Sie zünden Wunderkerzen an.


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