michaelhelming

die vorläufig letzte Fassung der Gegenwart


Storjös frühe Abende (2004) PDF Drucken E-Mail
Maier und ich nach Feierabend. Wir saßen in der Goldenen Henne und hatten Sauren Hering mit Bratkartoffeln gegessen. Es sollte mein letzter Abend in Brassenbach werden. Die Uhr am alten Wehrturm läutete gerade halb sechs - zwei Schläge stets zur halben Stunde - und Maier zerknüllte seine Papierserviette, um sie dann vor sich auf den Teller zu werfen.
Tja, nun habe ich dir aber alles erzählt, was ich weiß, sagte Maier. Was du dann ab nächste Woche an der Uni damit anfängst, ist deine Sache. Er lächelte verschmitzt und zugleich freundlich, zog mit dem gestreckten Zeigefinger über den Tellerrand, leckte Essig von seiner Fingerkuppe und bestellte noch ein dunkles Bier. Maier ist ein gemütlicher Mann mit nur noch wenigen Haaren oben auf dem runden Kopf. Dafür hat er um so mehr davon im Gesicht. Über seinem krausen und dicht grauen Vollbart steckt eine kleine Nase, darüber ein Paar freundliche Augen mit dicken Tränensäcken, die bei seinem Gemüt eigentlich eher Lachsäcke heißen müssten, gekrönt von fast schneeweißen, auffallend breiten Augenbrauen.

Maier leitet seit über einem Vierteljahrhundert das Heimatmuseum von Brassenbach. Wenn ich mich früher darum gekümmert hätte, wäre ich auch anderswo untergekommen, doch es war ja nur für ein paar Wochen und am Ende habe ich nichts bereut. In Brassenbach liegt das muss man allerdings zugeben wahrlich der Hund begraben. Der Ort hat heute nicht einmal 15.000 Einwohner und außer ein paar Metern alter Stadtmauer gibt es nicht viel zu sehen, wofür Touristen sich hierher verirren könnten. Der Ort ist auch nicht besonders hübsch oder gar malerisch. Autobahnen und Bundesstraßen machen - wie inzwischen auch die Bahn - einen großen Bogen um Brassenbach. Man kann also nicht einmal von einem Ort zum Durchfahren sprechen. Hier gibt es nichts und daher verstehen sich auch leicht die Öffnungszeiten des Museums: Samstags und Sonntags von zehn bis sechzehn Uhr. Schulklassen können nach Absprache auch unter der Woche kommen. Die meiste Zeit jedoch ist Maier allein in seinem kleinen Museum. Nebenbei führt er die Ortschronik, welche, man vermutet es längst, für Fremde auch nicht besonders interessant ist, und da in der Tat seit über 350 Jahren in Brassenbach nichts, aber auch gar nichts mehr geschehen zu sein scheint, stellt sich die Frage: Warum um alles in der Welt geht ein Mensch nur da hin?

Nun, es gibt in Brassenbach das immerhin älteste, selbsttätige Pendelglockenspiel südlich des Mains. Dies verfügt zwar nur über eine einzige, nicht besonders große Bronzeglocke, doch die wurde mitsamt Uhr und Spielwerk, glaubt man den alten Urkunden, bereits im Jahre 1432 durch den Technicus und Erfinder Alfons Kalbschützer unterm Dach jenes viergeschossigen Gebäudes angebracht, welches heute als Alter Wehrturm bekannt ist wohl, weil es einst durch Wehrgänge mit der nahegelegenen Stadtmauer verbunden war - und in dem auch das Heimatmuseum untergebracht ist. Wenn man einen Studiengang gewählt hat, der sich mit mittelalterlicher Maschinentechnik beschäftigt, kann es einen schon mal hierher verschlagen.

Als ich diesem Methusalem der Technik zum ersten Mal Auge in Auge gegenüberstand, konnte ich kaum fassen, wie wenig über 570 Jahre Geschichte diesem Apparat angetan hatten, so dass er immer noch unermüdlich vor sich hinarbeiten wollte und konnte. Ich habe schon Federuhren aus dem frühen 14. Jahrhundert in Aktion gesehen. Aber dies war etwas ganz Besonderes. So ein wunderbares Ding zu entdecken, im Inneren eines schmalen, windschiefen Fachwerkhäuschens mit zugigen Fenstern, das ist wirklich eine unglaubliche Überraschung. Pendelglockenspielen kann man übrigens tatsächlich Auge in Auge gegenüberstehen. Das Auge ist hier eine handtellergroße Holzscheibe, die in einen Metallring eingelassen ist, und einem erwachsenen Menschen ragt sie tatsächlich in Augenhöhe entgegen.

Im Museum selbst, welches ja nur aus drei kleinen Räumen besteht, kann man ein paar Exponate aus dem Dreißigjährigen Krieg besichtigen. Die Tatsache, dass die Schweden um 1630 durch Brassenbach zogen, bildet das einzig historisch wichtige Ereignis, an dem der Ort je teilhaben durfte. Es gibt keine steinzeitlichen oder römischen Funde im Umkreis. Selbst die Weltkriege haben hier weniger Spuren hinterlassen als anderswo. Bleiben allein die Schweden und ihnen voran Thorsten Storjö, ein Soldat, von Historikern gerne ignoriert und unterschlagen, war er doch lediglich ein einfacher Landsknecht, weder Offizier, noch von adeliger Herkunft. Es ist nicht genau bekannt, unter welchen Umständen Storjö eben in Brassenbach den Anschluss ans Schwedische Heer verlor, ob man ihn gar als Deserteur betrachten muss. Fest steht: Er blieb in Brassenbach und drangsalierte beinahe ein Jahr lang, zusammen mit einer Handvoll Männern, die Bevölkerung.

Er nahm den Bauern das Wenige, was sie bisher durch den Krieg hatten retten können, oder auch was sie sich in jenen schweren Zeiten ohnehin hart erarbeiten mussten. Er sammelte Geld und andere Wertsachen - eben alles, was er nur raffen konnte - in einer Schatulle, die er bestens bewachte, ja meist sogar bei sich trug, und die den Brassenbachern schon bald zum Synonym für die von Thorsten Storjö verübten Gräueltaten wurde. Die Legende berichtet beispielsweise, Storjö habe zu seinem puren Vergnügen einfachen Leuten aus dem Volke einen Halbbatzen gegeben  eine Silbermünze, die der Bayrische Kurfürst um die Zeit prägen ließ und sie dann gezwungen, diese herunterzuschlucken. Dann wartete er eine Weile und gab plötzlich durch ein Handzeichen zwei, drei oder auch vier seiner Gefährten den Befehl, das arme Opfer mit Spießen und scharfen Klingen niederzumachen. Wer von ihnen die Münze in all dem Blut fand und herausholte, durfte sie behalten.

Noch heute kann man auf besagter Schatulle Blutflecken entdecken. Das Kästchen ist neben Storjös Sattel eines der wichtigsten Ausstellungsstücke im Heimatmuseum von Brassenbach. Auch sonst geht es hier sehr blutrünstig zu. Es gibt viele Waffen, vor allem Degen und Musketen, ein paar Kanonenkugeln und selbst das einzige Schriftstück der Sammlung, ein Brief, den Wallenstein im November 1632 an seinen General Pappenheim gesandt hatte, ist tief mit Blut durchtränkt, wie man sagt, mit dem Pappenheims.

Es waren eben höchst blutige und unsichere Zeiten. Nicht nur fürs Volk, auch für die Soldaten. Es gehörte zur Strategie des Dreißigjährigen Krieges, dass einer der Gegner nie wusste, wohin der andere sich wenden würde. Die Truppenzahlen blieben klein; man konnte Festungen und Pässe besetzen, nie aber weite Fronten so abriegeln, dass es dem Feind nicht möglich gewesen wäre, sie zu durchbrechen oder sie zu umgehen, um zu marschieren, wohin er wollte. In diesem Krieg bewegte man sich häufiger voneinander weg als gegeneinander, sei es, um den Feind hinter sich herzulocken, sei es zu einem anderen garen oder ungaren politischen Zweck. Alle Unzeiten jedoch haben einmal ein Ende. Glücklich ist, wer sie einigermaßen heil übersteht und als König Gustav Adolf in der Schlacht bei Lützen den Tod fand - erst durch den Arm geschossen, dann an fünf Wunden blutend - da waren auch die Tage des Thorsten Storjö schon gezählt.

Letzterer hatte es inzwischen geschafft, nahezu jeden Menschen in seinem Umfeld gegen sich aufzubringen und als die Zahl seiner Gefolgsleute immer kleiner wurde, schmiedeten ein paar brave Menschen aus Brassenbach gegen den Tyrannen ein Komplott. Er wurde in einen Hinterhalt gelockt und hoch zu Ross sitzend mit Heugabeln angegangen. Hierbei entriss man ihm auch seine kostbare Schatulle und plünderte diese vor seinen Augen. Da lag er allerdings schon blutend am Boden, konnte sich nicht mehr rühren und kurz darauf wurde sein Haupt auf einen Spieß gesteckt, durch ganz Brassenbach getragen und schließlich auf einen Misthaufen geworfen, wo man es mit Schweinedung bedeckte und darunter verwesen ließ. Der übrige Leib wurde verbrannt und die Asche an einem geheimem Ort verscharrt.

Als der Schwede aber noch so halblebendig da lag, rief er den Brassenbachern zu:

"Bey meyner Qvaal, wil ich mit eych mich nit vertragen.
Schavet! Frav vnd Mann! Jhr werdt mich nimmer los.
Zehlet nvr die Stvndt vnd machet eych Erben.
Avch bey jhnen wil ich seyn."

Wie es in alten Aufzeichnungen weiter heißt, soll Storjös Stimme noch laut und deutlich zu hören gewesen sein, als sein Körper schon regungslos im Staub lag. Er verfluchte den Ort, wünschte den Brassenbachern ewige Verdammnis und kündigte ferner an, er würde bis in alle Ewigkeit jeden Tag zurückkehren, um nach seiner Schatulle zu sehen. Und zwar exakt mit dem zweihundertzweiundzwanzigsten Glockenschlag. Und mit der Glocke war natürlich unser Pendelglockenspiel gemeint. Andere Glocken gab es nämlich am Ort nicht mehr; die große Kirchturmglocke hatte man bereits 1623 eingeschmolzen.

So gefürchtet Thorsten Storjö zu Lebzeiten auch gewesen sein mochte, als Geist kam er sehr schnell in den Ruf, ein kompletter Versager zu sein, eben weil er seinen Fluch nicht wie andere berühmte Gespenster einhielt und wenigstens dann und wann einmal auftauchte. Mit seinem Tod endet seine Aktivität. Sein Fluch, eine nutzlose Drohung, der keine Taten folgten. Es gab zwar über die Jahrhunderte immer wieder ein paar neugierige Seelen, die ganze Nächte hindurch bei der Schatulle Posten bezogen, doch niemand hat bis heute je Storjös Geist zu Gesicht bekommen.

Es gibt in Brassenbach einen Verein, dessen Mitglieder es sich zur Aufgabe gemacht haben, dem Geist nachzustellen. Doch viele Mitglieder hat der Verein nicht, da er kein besonders erfolgreiches Vereinsleben vorzuweisen hat. Lediglich einen Haufen sinnlos um die Ohren geschlagene Nächte. Es gibt noch eine andere Gruppe von Brassenbachern, die der Meinung ist, Störjö habe allerdings wenigstens einen erfolgreichen Fluch über den Ort verhängt. Wenn man einen Nebensatz der Überlieferung mehr oder weniger großzügig interpretiert, kann man behaupten, Storjö hätte den Ort in ewige Bedeutungslosigkeit verwünscht:

"... vnd keyn Fremder je mer bey eych sey...

Wie dem auch sei. Maier und ich, wir saßen in der Goldenen Henne und um Punkt sechs Uhr ging die Tür auf und fünf Herren drängten an uns vorbei an ihren Stammtisch und wie ich inzwischen wusste, waren das jene Herren, die meinten, den Geist von Thorsten Storjö doch noch irgendwann beobachten zu können. Einer der Herren kam zu uns an den Tisch und fragte Maier, ob er an diesem oder jenem Termin den Schlüssel zum Museum über Nacht haben könne. Es sei mal wieder so weit. Dem alten Schweden werde nun erneut nachgestellt und man sei diesmal besonders gut vorbereitet. Maier antwortete freundlich, das sei kein Problem und so war die Sache abgemacht und mir konnte es ja egal sein, denn zu diesem Zeitpunkt würde ich schon längst nicht mehr vor Ort sein und ohnehin hatte mich ja das Pendelglockenspiel interessiert, nicht der Geist eines alten Landsknechts. Der Stammtisch der Herren lag ein wenig abseits in einer Ecke der Gaststube, die ich von meinem Platz aus nicht einsehen konnte. Ich sah jedoch, dass Maier immer mal wieder hinüber kiebitzte.
Arme Trottel, sagte er schließlich zu mir mit einem Nicken in jene Richtung.
Wo nichts ist, kann man halt auch nichts finden;, antwortete ich.
Es ist sehr wohl was da, sprach Maier weiter: Man muss nur eben auch richtig schauen.
Wollen Sie damit sagen", fragte ich, "der Geist von diesem Schweden spukt tatsächlich irgendwo herum?"
"Nicht irgendwo", antwortete Maier. "Sondern genau da, wo er es auch angekündigt hat. Er schaut nach seiner Schatulle, die liegt bei mir drüben im Museum und wenn er fertig ist, geht er halt wieder, bis morgen."
"Sie glauben also tatsächlich an solche Schauermärchen?", fragte ich weiter.
"Da gibt es nichts zu glauben. Ich habe Storjö gesehen und ich sehe ihn fast täglich."
"Dann sind Sie aber der einzige Mensch, der das kann", sagte ich und grinste augenzwinkernd, in der Überzeugung, wir würden im nächsten Moment gemeinsam grinsen. Doch Maier blieb ernst und antwortete: "Ich bin zwar der einzige, der regelmäßig mit Storjö zu tun hat, aber ich bin überzeugt, sehen kann ihn jeder. Man muss nur wissen, wann er kommt."
"Ich dachte, man hätte schon seit Jahrhunderten nächtelang alles unternommen, um dies herauszufinden", sagte ich.
"Was völlig unnötig war", ergänzte Maier. "Er hat doch gesagt, er kommt mit dem zweihundertzweiundzwanzigsten Schlag."
"So oft schlägt doch am Tag keine Glocke," dachte ich laut und leise dachte ich an das Sprichwort, in dem man sich verwundert zeigt, wenn es dreizehnmal schlägt.
"Weißt du das genau?", fragte Maier und er stocherte nach: "Wie oft schlägt denn eine Glocke so am Tag? Was schätzt du?"
Ich rechnete die Zahlen von 1 bis 12 zusammen und kam auf 78. Das zweimal am Tag. Das sind ja schon über 150 Schläge. Maier sah mir mein Erstaunen an: "Unsere Wehrturmglocke schlägt am Tag exakt 300 mal und das ist noch gar nicht viel, denn zur vollen Stunde schlägt sie lediglich die Anzahl der Stunden. Viele Kirchturmglocken schlagen vorher noch vier mal um die volle Stunde anzuzeigen. Dann wären wir sogar bei fast vierhundert Schlägen."
"Unglaublich", sagte ich und natürlich hatte Maier recht, wenn er darauf antwortete, dass man das doch im Grunde hören könne. Es sei ganz offensichtlich, nur niemand denke darüber nach und deswegen findet eben auch keiner das Gespenst von Thorsten Storjö. Das spukt nämlich nicht nachts, wie die meisten andern Gespenster, sondern am frühen Abend.
"Der junge Herr will mit mir rechnen?", fragte Maier und jetzt lächelte er wieder verschmitzt und freundlich: "Also: Zwischen den vollen Stunden schlägt unsere Glocke sechsmal, einmal zur ersten Viertelstunde, zweimal zur halben Stunde und dreimal zur Dreiviertelstunde. Der Tag beginnt um Mitternacht mit zwölf Schlägen, um neun Uhr haben wir 111 Schläge und bereits um 11 Uhr 45 ist die Hälfte aller Schläge des Tages schon verklungen. Dann geht es weiter: Um 13 Uhr sind es 169 Schläge, um 14 Uhr 177, um 15 Uhr 186, um 16 Uhr 196, um 17 Uhr 207 und um 18 Uhr 219 Schläge. Um 18 Uhr 15 hören wir den zweihundertzwanzigsten Schlag und folglich erscheint Thorsten Storjö mit dem letzten Schlag auf der folgenden halben Stunde, also ziemlich genau um 18 Uhr 30."

Ich sagte erst einmal nichts und Maier fragte: "Du glaubst mir nicht, was?" Ich nickte.
"Zahlen!", rief Maier zum Wirt herüber und sah dann auf seine Uhr.
"Zehn Minuten!", sagte er. "Das schaffen wir noch."

Draußen war es noch hell. Mir fiel auf, während Maier gerechnet hatte, hatte die Wehrturmglocke einmal geschlagen und ich fragte mich, ob dieser einzige Schlag etwas bedeuten sollte. Aber es war ja einfach nur der zweihundertzwanzigste dieses Tages.

Das Museum liegt nur ein paar Schritte von der Goldenen Henne entfernt. Maier öffnete die Tür und machte Licht in den Museumsräumen. Wir betraten den Raum, in dem sich Storjös Schatulle befand und obwohl ich in den letzten Wochen doch öfter durch diesen Raum gekommen war, wurde mir nun erst richtig bewusst, dass Storjös Sattel, auf den Maier nun meine Aufmerksamkeit lenkte, genau an jener Wand auf einem Podest platziert war, die der Vitrine mit dem Schatzkästchen gegenüberlag. Die Bodendielen knarrten unter meinen Füßen und hoch über mir hörte ich das Glockenwerk gleichmäßig ticken und knirschen.

In den Vitrinen brummten diese kleinen Neonscheinwerfer so flüsternd wie Elfen. Alle Geräusche waren Teil der Stille, die dann von oben durchbrochen wurde, vom ersten Schlag der Bronzeglocke, dem sogleich ein zweiter folgte und mit diesem saß, wie aus dem Nichts gekommen, ein kleiner, stämmiger Mann auf dem Sattel. Er trug eine alte Uniform mit Degen, einen großen Hut mit langer Feder und im Gesicht, geradezu klischeehaft, einen Knebelbart mit Fliege. Der Reiter stieg vom Sattel und kam durch den Raum an Maier und mir vorbei, ohne uns auch nur eines Blickes zu würdigen. Er hatte lediglich Augen für die Schatulle und für ein Gespenst kam er mir unheimlich plastisch vor. Aber vielleicht mochte das auch daran liegen, dass er ja am helllichten Tag spukte und möglicherweise sehen Geister nur bei Nacht so nebelhaft leuchtend aus wie es oft beschrieben wird. Für eine Projektion oder Täuschung erschien mir das Ganze auf jeden Fall viel zu echt.

"Achte auch auf die Schatulle!", sagte Maier. "Es ist jeden Tag das Gleiche."
Das Uhrwerk über uns arbeitete weiter wie seit Jahrhunderten und mein Gehör folgte seinem Rhythmus, während meine Augen an der Gestalt hafteten, die wohl Thorsten Storjö gehören sollte. Diese hatte nun die Vitrine erreicht und tatsächlich das Kästchen öffnete sich anscheinen von selbst.

"Wir können ruhig näher rangehen", sagte Maier. "Das stört ihn überhaupt nicht."
Direkt an der Vitrine stehend, sahen wir die leere Schatulle, die offensichtlich aus Holz gefertigt und an den Seiten mit dünnen Beschlägen aus Metall versehen war. Der Deckel stand nun ganz geöffnet in die Höhe und an seiner Innenseite konnte man ein aufgemaltes Wappen sehen. Thorsten Storjö streckte die Hände aus, welche das Glas wie einen Lichtkegel durchdrangen und seine Hände fassten in die Schatulle hinein. Über seinen Händen schloss sich der Deckel langsam wieder und als er ganz zurückgefallen war, konnte ich die Hände des Schweden nicht mehr erkennen und im nächsten Augenblick bemerkte ich, dass der Mann völlig verschwunden war.

"Das war alles", sagte Maier. "Knapp drei Minuten. Jeden Tag. Wie nach Fahrplan."
Nachdem ich eine ganze Weile lang sprachlos geblieben war, berichtete Maier, er kenne dieses Phänomen nun schon seit über 26 Jahren und - wie es der Zufall wolle - sei ich jetzt der Erste gewesen, den er hiermit eingeweiht habe. Was da über ihn gekommen sei, wisse er auch nicht. Er bat mich auf jeden Fall, keinem Menschen von diesem Erlebnis zu erzählen.
Natürlich wollte ich wissen, warum er all die Jahre hindurch niemandem davon erzählt hatte, was hier vor sich ging. Als Entdecker des Geistes von Thorsten Storjö würde ihm doch ganz Brassenbach zu Füßen liegen. Dieser Spuk ist ja im Grunde eine riesige Sensation. Man könnte Gespenstertouristen, Esoterikfreaks und andere Liebhaber übernatürlicher Erscheinungen hier herlocken.

Maier winkte ab. Dann wäre es mit der Ruhe in Brassenbach vorbei und das sei schlimmer, als man auf den ersten Blick vermuten mochte. Wenn man es genau bedenkt, hat Thorsten Storjö nämlich sehr ungeschickt geflucht. Einerseits hat er dem Ort gedroht, selbst bis in alle Ewigkeit hier herumzuspuken und andererseits hat er Brassenbach dazu verdammt, für den Rest der Weltgeschichte ein völlig unbekanntes Nest zu sein. Ein Fluch schließt im Prinzip den anderen aus und so, wie es im Moment ist, ist wenigstens eine Verwünschung sichtbar eingetreten. Wenn man jetzt plötzlich den spukenden Störjö und damit den Ort Brassenbach bekannt macht, beweist man zwar, dass jener erste Fluch existiert. Dafür wird aber der zweite Fluch - der von der Bedeutungslosigkeit des Ortes - in kürzester Zeit nichtig sein. Bisher hatten wir eine Prophezeiung, die offensichtlich falsch sein musste, da sie ja (außer für Maier und mich) nicht eingetreten ist, auch wenn einige wenige nicht aufgeben wollen und weiterhin Nächtelang damit zubringen werden, nach dem Spuk zu suchen. Wir haben aber auch einen Fluch - nämlich den zweiten - der unmittelbar mit seinem Ausspruch eingetreten ist und der seit Jahrhunderten bis heute und darüber hinaus Bestand hat.

Das ist natürlich einleuchtend. Würde man das ganze jetzt umkehren, das Gespenst für wahr erklären und somit den Ort aus seinem historischen Schlaf holen, müsste man doch zugeben, dass beide Flüche irgendwo nicht so ganz glaubwürdig sind. Mal gilt der erste, mal der zweite, jedoch niemals beide. Wenn ein Fluch nur für eine bestimmte Zeit lang wahr sein soll, obwohl er für die Ewigkeit gedacht ist, dann ist er im Endeffekt doch immer falsch und falsch gewesen. Am Ende hätte Brassenbach also einen mehr oder weniger gewinnbringenden Geistertourismus aufgrund eines Fluches, an den eigentlich nicht geglaubt werden kann.

"Hier ist es so schön ruhig", sagte Maier. "Damit sind alle zufrieden und deshalb sollte man das auch so lassen."
Ich dachte mir, hier hat Maier gar nicht so unrecht und so gab ich ihm das Versprechen, dass er hören wollte. Wieder auf der Straße, ein sanfter Sonnenuntergang kündigte sich an, die Straßenlaternen glimmten sehr zeitig auf und die Wehrturmuhr in meinem Rücken schlug dreimal.

Wir kehrten in die Goldene Henne zurück, suchten uns einen Platz, nicht weit von jenem Stammtisch, an dem man inzwischen bierselig laut und blumig davon träumte, eines Tages der erste Mensch zu sein, dem der Geist von Thorsten Storjö leibhaftig gegenüber steht.



© www.michael-helming.de 2004
 
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