michaelhelming

die vorläufig letzte Fassung der Gegenwart


Der Scheintod des Autors (2010) PDF Drucken E-Mail
Köhlbrand und ich, wir waren im Auftrag des Kulturkanals unterwegs. Der große Saal des Kongresszentrums füllte sich langsam mit Fachpublikum, während unsere Augen nach und nach mögliche Interviewpartner ins Visier nahmen. Murmeln, Rezitieren und Rufen bildete eine Art vielschichtige Interferenz, eine Kruste aus Klängen, aus ewig verklungenem, aus Nachhall, wie im Inneren einer Kirche oder eines Museums zu sich selbst gesprochen, und sobald man sich dem Podium zuwandte, schwebte über allem die prominente Leiche Bernhard Fronzens.

Unzählige Male hatte Köhlbrand schon erzählt, wie ihm damals, vor über dreissig Jahren, der da schon berühmte Fronzen, das sprachgewaltigste lyrische Ich seit Goethe, so ganz zufällig vors Mikrofon gelaufen sei. Seitdem hätten sie wohl ein Duzend Gelegenheiten für Gespräche genutzt, allesamt im Nachhinein große Momente des Journalismus und der Literaturkritik. Mit einem Schlage, genauer mit einem Schlaganfall, wie es hieß, sollte das nun unwiederbringlich vorbei sein. Auf dem Podium lag, an einem Platz rechts neben dem Rednerpult, ein Kranz mit schwarzem Flor. „Ich bin bei euch“, hörte man es überall sagen.

„Ich bin bei euch“, ganz provokativ in Anführungszeichen gesetzt, ist bekanntlich sowohl der Titel von Fronzens berühmtestem Gedicht, als auch der seines epochalen Lyrikbandes, der über einhundert Texte enthält, jeder für sich ein Meisterwerk. Selbstredend haben alle Leser unserer Tage ein Lieblingsstück in „Ich bin bei euch“. Meines ist das schöne „Einatmen/Ausatmen/Weiteratmen“, das ich schon in der Schule immer wieder lesen musste, nicht weil die Lehrer es so oft verlangt hätten, sondern weil es so schön ist; und lange vor meiner Zeit war „Einatmen/Ausatmen/Weiteratmen“ neben „Ich erinnere mich noch, wie ich es zum ersten Mal sah“ vielleicht der einzige Text, den Schüler in ihren Lehrbüchern immer wieder und wieder freiwillig hervor nahmen, sogar in den Ferien.

Mit Sicherheit ist Bernhard Fronzen der einzige Dichter unseres Jahrhunderts, dem zu Ehren bereits zu Lebzeiten Kongresse und Symposien abgehalten wurden. Der Kongress hier war einst der erste seiner Art gewesen und Fronzen ließ es sich nicht nehmen, Jahr für Jahr daran teilzunehmen. Hier fühlte er sich lebendig und verstanden. Hier wurde nicht einfach über seine Texte gesprochen, hier wurden sie in eine Beziehung zum Alltag gesetzt.

Einige Kritiker wollen in Fronzens Werk allerdings kein eigenständiges Schaffen entdecken. Sie meinen, all seine Wortschöpfungen seien schon einmal da gewesen, Fronzen habe sich nur bedient, er habe lediglich rezitiert. Ein Vorwurf, dem der Autor und seine Fans stets mit dem Argument begegneten, Fronzen habe seine Texte gewissermaßen markiert. Natürlich sei ein jedes Wort, wie man es in seinem Gesamtwerk findet, zuvor schon einmal gesprochen oder geschrieben worden. Selbstverständlich haben schon zuvor die Menschen alle Buchstaben des Alphabetes in ähnlicher, ja vermutlich sogar in exakt identischer Form angeordnet. Fronzen jedoch, hat mit seinem Werk den Worten Bestand gegeben, eine Seele vielleicht. Im übrigen hat er nie versucht, seine Arbeitsweise zu verschleiern. Zitieren und Wiederholen sind stets die wichtigsten Elemente seiner Arbeit gewesen. Seine Quellen nannte er ausnahmslos, oder sagen wir, er wies zumindest mal mehr und mal weniger deutlich auf sie hin, legte dabei natürlich hier und da auch falsche Fährten. Manches Vorbild seiner Verse dürfte er einfach erfunden haben, vermuten Kenner. Fronzen selbst liebte den Gedanken, dass mit ihm zugleich tausende andere Dichter zitiert würden oder zumindest theoretisch zitiert werden könnten.  

Am Nachmittag hätte der Meister selbst das Wort ergreifen sollen. Es existierte ein handgeschriebenes Manuskript, eigens für diesen Kongress verfasst und mit den Worten beginnend: „Ich bin bei euch“. Nun war dieser Programmpunkt allerdings ein wenig unklar. Es gab Stimmen, die sich für eine gedruckte Veröffentlichung der Rede einsetzten, andere meinten, der Text solle laut von diesem oder jenem Redner - vielleicht von einem Weggefährten - verlesen werden. Einige sagten, die Rede müsse zwingend zu Beginn des Kongresses vorgetragen werden, andere meinten, so etwas ginge - wenn überhaupt - nur zum Abschluss einer derartigen Veranstaltung. Die romantische Fraktion glaubte, ein für die Zuhörer unsichtbarer Sprecher müsse die Rede exakt in den Minuten zu Gehör bringen, in denen Fronzen selbst vermutlich das Wort ergriffen hätte. Einige hatten gefordert, den Text vorerst geheim zu halten, doch da war er schon längst im Umlauf und einige Störenfriede aus den Reihen der Jungfronzenianer hatten ihn gelesen, bearbeitet und in Zig neuen Fassungen unter die begierig lesende Menge geworfen. Als vor einigen Tagen die Todesnachricht über die Ticker ging, hatten sie unverzüglich begonnen, Cut-ups zu schreiben, die bald selbst eine Rede, dann wieder Gedichte und dann erneut Formen von Prosa darstellten. Man musste zugeben: Es gab eine große Unruhe. Und jetzt füllte sich die Kongresshalle mit Menschen und mit immer neuen Texten. „Einatmen/Ausatmen/Weiteratmen“. Die Experten versuchten stirnrunzelnd, den Überblick und die Ruhe zu behalten.

Der Körper Fronzens war zu dieser Stunde zweifellos ein Ruhepol. Wer in all der Unsicherheit den Glauben an Literatur verlor, der schaute kurz auf und sah zu ihm hinauf. Über dem Podium befand sich eine riesige Videoleinwand. In Echtzeit konnte man hier einen Blick in die nur wenige Kilometer entfernte Aussegnungshalle des Zentralfriedhofs werfen, wo Fronzen in einem offenen, reich verzierten und mit Blumen überhäuften Sarg lag. Die Trauerfeier war für Morgen früh 11 Uhr angesetzt. Bis dahin sollte der Sarg geöffnet bleiben, damit auch die Bevölkerung Abschied von Bernhard Fronzen nehmen konnte. Auf dem Bildschirm sah man sie nun langsam am Oberkörper des Dichters vorbei schreiten. Man erkannte sie, doch wirkten sie ein wenig verschwommen, wohl bedingt durch die Tiefenunschärfe. Fronzens Gesicht zeichnete sich hingegen deutlich ab. Auch das kleine Muttermal auf der linken Wange, von der Presse seit über einem halben Jahrhundert zu einer Art Markenzeichen hochstilisiert. „Ich erinnere mich noch, wie ich es zum ersten Mal sah“, sagte Köhlbrand. Dann schwieg er. Inzwischen zog die ebenfalls schweigende Menge unaufhörlich weiter, an den gefalteten Händen und dem unwirklich weißen Leichentuch vorbei, wie eine stille Zeile, über die ein Finger gleitet, der den Augen helfen möchte, den Sinn von allem zu entziffern. Über der stummen Szene auf dem Bildschirm lag das Gemurmel im Saal. Auch Köhlbrand beendete wieder sein Schweigen. „Als wäre es gestern gewesen“, sagte er nachdenklich. Das war der Titel seines Lieblingsgedichtes. Es stammte natürlich ebenfalls aus „Ich bin bei euch“ und selbstverständlich ist auch mir „Als wäre es gestern gewesen“ ein Begriff. Persönlich hat der Text mich nie so stark berührt wie beispielsweise „Einatmen/Ausatmen/Weiteratmen“, doch er endet mit der schönen Zeile „Wer? Woher? Das ist er! Das ist er!“.

Irgendwo erklang ein zartes Glöckchen und die Ordner begannen damit, die Saaltüren zu schließen. Immer noch, waren nicht alle Kongressteilnehmer an ihrem Platz. Das Podium war halbleer, viele Stühle im Saal verweist. Die Teilnehmer standen redend, winkend und sonstwie gestikulierend in den Gängen. Eine bereits geschlossene Tür öffnete sich wieder und ich sah einen Mann hereinkommen. Er schritt, direkt auf uns zu und war schon beinahe an uns vorbei, da stieß Köhlbrand mich verwirrt an. „Wer? Woher? Das ist er! Das ist er!“. Ich sah diesen Mann und im Hintergrund die Videoleinwand. Man machte ihm Platz, während man weiterredete, doch die Blicke verfingen sich an ihm. Im Schauen zuckte man innerlich zusammen. Ich tat es zumindest. „Einatmen/Ausatmen/Weiteratmen“. Ich sah das Muttermal in Übergröße auf dem Schirm und ich sah es direkt vor mir, im Gesicht dieses Mannes. Die Stimmen im Saal zerrissen, doch sie verstummten nicht. Sie drängten weiter, im selben Rhythmus wie die Menschen am Sarg. „Wer?“ Immer voran. Weiter.

Köhlbrand sprach den Mann an. „Woher?“ Die Bildwand wackelte kurz. Fronzen lächelte. So schien es mir zumindest. „Lange nicht gesehen.“ Ich wollte Köhlbrand etwas fragen, ihm zumindest ins Gesicht schauen, doch er beachtete mich nicht. „Das ist er!“ Überall im Saal hörte man es. Dann gab es einen Handschlag. „Einatmen/Ausatmen/Weiteratmen“. Die Hände trennten sich. „Das ist er!“ Mir fiel ein,  noch beim Frühstück hatte ich mit Köhlbrand gestritten. Über das Gedicht „Kein Zweifel möglich“. Er hatte behauptet, es sei ebenfalls von Fronzen, eines seiner unbekannteren Stücke. Ich hatte widersprochen, doch in dem Moment ging mir auf, ich war es gewesen, der sich geirrt hatte. Der Mann schritt derweil ohne Hast auf das Podium zu. Über seinem Weg lag er selbst, die Augen geschlossen. „Ich bin bei euch“. Alle suchten ihre Plätze. „Das ist er!“ Langsam breitete sich gespannte Stille aus.



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