michaelhelming

die vorläufig letzte Fassung der Gegenwart


Unsere Amelie kommt ja bald in die zweite Klasse (2009) PDF Drucken E-Mail
Sich in SB-Warenhäusern herumzutreiben, kann durchaus lehrreich sein, denn sie bilden soziale Hot-Spots. Wo Konsumenten einander begegnen, da sperre ich die Ohren auf und erfahre so unter anderem, welche aus TV-Sendungen oder Filmen stammenden Vornamen inzwischen die Gesellschaft infiltriert haben.

Es muss schon vier oder fünf Jahre her sein, dass ich irgendwo zwischen Fleischtheke und Süßigkeitenregal zuletzt den Namen Kevin hören durfte. In den Neunzigern ein absolut inflationärer Rufname, der jedoch mit den Eskapaden seines minderjährigen Darstellers (Macaulay Culkin) in die Unterschicht abrutschte und heute einen denkbar schlechten Ruf besitzt. Die inzwischen meist schon Erwachsenen, die ihn tragen müssen, schweigen.
 
Derzeit besonders auffällig sind Mädchen im Kindergartenalter, bzw. Grundschülerinnen, die sich Amélie nennen lassen, mutmaßlich in Anlehnung an den französischen Film "Die fabelhafte Welt der Amélie" aus dem Jahr 2001. Ich sage den Amélies hiermit ein ähnliches Schicksal wie den Kevins voraus; auch dieser Name führt direkt in die Gosse oder aber zumindest ins Heim für betreutes Wohnen - denn in der Pathologie bezeichnet Amelie bekanntlich das Fehlen von Armen und Beinen, man kann seine Tochter also genauso gut gleich Krüppel rufen. Hier lassen es junge Eltern allerdings noch an Konsequenz fehlen.

Schön und gut. Namensgebung ist wirklich kein leichter Job und vieles ist zwar selten, jedoch auch im angeblich so streng reglementierenden Deutschland erlaubt. Man darf seinen Sohn durchaus Rolex oder Nazi nennen. Nazi ist ein rätoromanischer Jungenname und im “internationalen Handbuch der Vornamen” verzeichnet. Trotzdem habe ich noch nie an der Fischtheke oder bei den Backwaren eine Mutter ihren Sohn Nazi rufen hören.

Seit inzwischen über zehn Jahren darf man auch in Deutschland sein Kind Jesus nennen, macht aber keiner. Mann nimmt lieber Nemo, Legolas, Smilla oder Sida, letzterer Name ist in Spanien oder Frankreich gleichbedeutend mit AIDS.

Von mir aus soll aber jeder machen was er will. Im Gegensatz zu deutschen Gerichten würde ich selbst Tiger, Würzburg, Schröder, Boroussia, Pfefferminze oder Verleihnix durchwinken, immer natürlich mit dem Hintergedanken, beim Einkaufen lustige Vornamen aufzuschnappen. Auch ich will unterhalten werden und in diesem Geiste freue ich mich schon darauf, spätestens 2010 oder 2011 einen Kasten Bier in meinen Einkaufswagen zu wuchten, und dabei nebenan bei den Limonaden einen jungen Vater oder eine junge Mutter ihren Sprössling zur Ordnung rufen zu hören, der dann wohl Spongebob heißen wird.



© www.michael-helming.de 2009
 
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