michaelhelming

die vorläufig letzte Fassung der Gegenwart


Vom Alter des Sandes (2008) PDF Drucken E-Mail
Am Strand, nahe der Stadt am Meer, aus der ich geflüchtet bin, wie man flieht, wenn man noch keine Idee hat, was Heimat sein könnte; an dem Strand saß des Nachmittags – da ging ich noch zur Schule – oft ein Mann auf einem wackeligen Klappstuhl und schaute über die Dünen. Nach Jahren kehrte ich in diesem Sommer zurück und stellte fest, dass auch jener Mann dort war, beinahe so, wie auch die Stadt noch dort war.

Er hatte langes, graues Haar, einen ebensolchen Bart, er war dürr und sein Gesicht war dunkel und zerfurcht. Neben seinem Stuhl, dessen Beine ungleichmäßig im Sand eingesunken waren, bauten Kinder eine Sandburg. Sie ließen den Sand durch ihre Finger rieseln und eines sagte: „Jedes Sandkorn sieht ja genau gleich aus wie das andere.“ Der Mann lächelte und wandte sich plötzlich um, als sei mit ihm gesprochen worden: „Das liegt daran, dass es ein und dasselbe Sandkorn ist“, sagte er.

Ich stand in der Nähe, schaute über die Dünnen hinweg zum Wasser und hörte, wie der Mann erzählte, es gäbe im ganzen Universum nur ein einziges Sandkorn und dieses eine Sandkorn reiste immerfort durch die Zeit. Seinen Worten nach bricht es beim Anbeginn aller Zeit auf, beim Urknall, und fliegt bis zum Ende aller Zeit – zur Götterdämmerung, zum Jüngsten Gericht, wie man es denn nennen will. Dort angekommen, wird es von diesem einzigen, unvorstellbaren Ende zurückgeworfen und fliegt wieder zum Urknall zurück, wo es wiederum zurückgeworfen wird und immer so fort. Jedes Mal, wenn es auf seiner Reise an der Erde vorbeikommt, lässt es dort ein Abbild von sich zurück, eine Idee, ein Modell, ein Foto, eine Nachricht, eine Notiz.

Ich erinnere mich an jenem Tag noch an drei weitere Dinge. Der Mann saß noch sehr lange dort. Ich bekam eine SMS. Und ich bin vor Sonnenuntergang gegangen.



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