michaelhelming

die vorläufig letzte Fassung der Gegenwart


J. L. Borges 2008 PDF Drucken E-Mail
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(05:49 Uhr)
Heute vor zweiundzwanzig Jahren also - es war ebenfalls ein Samstag - starb Jorge Luis Borges in Genf, ein Autor, an dem sich - wenn wir eine Anthologie von Marco Alcántara bemühen wollen - die Geister scheiden. Er schreibt mit Blick auf Borges politisches (ich nenne es mal:) „Nicht-Engagement“ der Sechziger- und Siebzigerjahre: „Während er für die einen ein reaktionärer Zyniker ist, der die Realität Südamerikas ignoriert…“ und diese Aussage aus dem Jahr 1985 unterschlägt sowohl, dass Borges sich immer gegen den Faschismus (egal ob in Europa oder Südamerika) eigesetzt hat, wie diverse Artikel beweisen, als auch seine Ablehnung Peróns. Lesen wir also auch noch den zweiten Teil von Alcántaras Satz: „...ist er für die anderen der große Alte, der geistige Vater der jüngeren lateinamerikanischer Autoren.“ Nicht nur denen stand er Pate, wie ich im Laufe des Tages einmal mehr zu erle(b/s)en hoffe. Die Bibliothek ist geöffnet...

(06:26 Uhr) Hat dieser Tag einen Soundtrack? Aber ja, er hat! Neben Milongas und Tangos sollte grade in den Morgenstunden etwas europäische Klassik gehört werden: Johannes Brahms, Ein deutsches Requiem. Ich höre im Moment eine von Karajan dirigierte Fassung aus dem Jahr 1947. Selig sind die Toten.



(07:47 Uhr) Brahms bei offenem Fenster und dazu ein paar Vögel … aber weiter im Text: Der offiziell mitgeteilte Zeitpunkt von Borges Tod: Sieben Uhr Siebenundvierzig. Bereits am vorigen Tag war er - so schreibt Williamson - ins Koma gefallen. Zu seinen letzten Begleitern gehörte - neben María Kodama - der in Córdoba geborene, jedoch in Paris lebende Schriftsteller Héctor Bianciotti, der das Ende folgendermaßen erlebt haben soll: „Bianciotti noticed that his [Borges] breathing, which had been quite regular for the last ten hours or more, seemed to be fading. He decied to call María, but, as if guided by some intuition, she was already at the door.“ In seinen letzten Tagen sprachen Borges und Kodama angeblich über ein mögliches Leben nach dem Tode, sowohl über die katholische als auch die shintoistische Variante dieser Idee. Borges war zeitlebens Agnostiker gewesen und doch gibt es unterschiedliche Angaben darüber, ob er kurz vor seinem Tod nicht doch bei einer Religion Zuflucht gesucht haben könnte. Williamson berichtet, es sei nicht nur ein katholischer, sondern auch ein protestantischer Priester gerufen worden. Woodall sagt dagegen nur, Borges habe in der Nacht vor seinem Tod die Absolution eines katholischen Priesters empfangen…
Die Beerdigung fand auf jeden Fall am Mittwoch den 18.06.1986 in einer protestantischen Kathedrale (Saint Pierre) statt und auf dem Friedhof Plainpalais liegt sein Grab nicht weit entfernt von dem Calvins. AND NE FORHTEDON NA



(08:55 Uhr) Wenn ein Borges-Bewunderer wie Erich Fried schreibt: „Es ist einfach nicht wahr, dass Jorge Luis Borges nie ein wahres Wort geschrieben hat. Seine Angaben auf amtlichen Formularen und anderwärts über seine Geburt in Buenos Aires im Jahre 1899, über seine Studien in Europa und über seinen Schriftstellerberuf ebenso wie über seine Arbeit als Direktor der Nationalbibliothek in Buenos Aires von 1955 bis 1973 sind, abgesehen von gelegentlichen kleinen Irrtümern, wie sie jeder begeht, samt und sonders wahr.“ Dann hat die Sache natürlich einen Haken. Mutwillige Unwahrheiten in offiziellen Dokumenten sind belegt, obgleich Borges damals nicht selbst log, sondern es seinem Vater überließ, aber hätte man Georgie im Sommer 1914 nicht auf dem Papier um ein ganzes Jahr jünger gemacht, so hätte er das Gymnasium in Genf nicht besuchen dürfen.
Neben den (obgleich wenigen) offensichtlichen Lügen finden sich einige Ungewissheiten. Die Episode beispielsweise, in der Borges von den Perónisten aus dem Bibliotheksdienst entfernt wird, indem man ihm das unakzeptable Angebot macht, statt dessen Inspector of Poultry and Rabbits (Geflügelinspektor) zu werden, bleibt rätselhaft, da es durchaus Quellen gibt, die behaupten, eine solche Stelle hätte es damals gar nicht gegeben.
(Or was it just another linguistic pun?).
Und neben den Ungewissheiten schließlich stehen jene unzählbaren Ungenauigkeiten, die einfach entstehen müssen, wenn man sich verinnerlicht, dass ein Erinnern ohne Vergessen unmöglich ist. Hier treffen sich bei Borges Biografie und Fiktion. Lückenhaftes und lügenhaftes Schreiben können sich sehr ähnlich sein, ihre Intentionen verschleiern. Es geht immer um die Qualität der Wirklichkeitsverarbeitung und vielleicht kann man vereinfachend sagen, dass das Reale stets nur als Mittel zum Zweck fungiert. Die Lüge ist real, weil sie alltäglich ist. Nicht Wahrheitsgehalt, sondern Glaubwürdigkeit bestimmt den Wert einer Aussage.



(09:29 Uhr) Es wird Zeit, die gezuckerte Kondensmilch ins heiße Wasserbad zu stellen. In gut drei Stunden gibt es dann dulce de leche...

(10:48 Uhr) Aushilfsbuchhändler, Vorleser, Schriftsteller und Erinnerer: Alberto Manguel denkt zurück an Details seiner Bekanntschaft mit Borges in den Sechzigerjahren. Jeden Abend, wenn er durch den Eingangsvorhang trat, schien die Wohnung unverändert geblieben zu sein. Borges habe die Annehmlichkeiten der Routine gesucht, berichtet er. Nichts schien sich je an einem Ort zu ändern, an dem Borges sich aufhielt. Borges habe stets auf dem Sofa gesessen und er in einem der beiden Sessel. Borges Schlafzimmer war spartanisch eingerichtet. Auf dem Bett rollte sich manchmal Beppo zusammen, die weiße Katze und Borges Mutter habe sich meist in ihr Zimmer zurückgezogen, wenn er vorbeischaute.
Die letzte Geschichte, die Manguel für Borges las war The Jolly Corner von Henry James im Jahr 1968. Ein letztes Mal begegneten sie sich 1985 im Frühstücksraum eines Hotels in Paris. Bereits 1979 schreibt Borges: „...ich möchte nicht ewig Borges sein, sondern eine andere Person. Ich hoffe, dass mein Tod total sein wird, dass ich mit Körper und Seele sterbe.“

(11:58 Uhr) „Da geht Borges!“, heißt es immer wieder, wenn Curt Meyer-Clason und/oder ein Kamerateam mit Borges durch Buenos Aires streift. Auf dem Friedhof Recoleta befinden sich die Gräber seiner Ahnen und Anfang der Siebzigerjahre behauptet er noch: „Hier werde ich auch liegen, wenn´s an der Zeit ist.“ Borges schreibt und wird zitiert, seine Jahre seien mehr dem Lesen als dem Leben gewidmet gewesen, zuerst seien immer die Bücher gekommen, dann die Dinge. Somit erst die Übersetzung der Wirklichkeit in Literatur, dann die (entwertete?) Wirklichkeit. Angeblich behauptet Borges hartnäckig, Lektüre könne Erlebnis ersetzen, habe bei ihm Erlebnis ersetzt.
Schreiben über das Sterben ersetzt also das Sterben. Demnach lebt Borges noch, schreibt noch, denn ich (und ich bin sicherlich in diesem Augenblick nicht der einzige) lese ihn, lasse ihn schreiben, leben. Borges lacht. Borges geht.

(13:13 Uhr) Gegenüber Osvaldo Ferrari spricht Georgie mit fünfundachtzig Jahren über den Tod, nennt ihn eine Reise, natürlich viel besser als die sieben Reisen von Sindbad, es wäre eine viel größere Reise, sagt er. „Wenn der Augenblick des Todes kommt, werde ich mich vielleicht als großer Feigling erweisen.“ Eine Reise, die mit Worten unbeschreibbar bleibt, denn: „Wörter setzen gemeinsame Erfahrungen voraus; im Fall des Todes gibt es das noch nicht.“ So formuliert es Borges und gibt sich einmal mehr als Leser zu erkennen, als jemand, der nur erfahren kann, was auch vermittelbar ist. (Niemand wird bestreiten, dass vor Borges schon viele andere Menschen gestorben sind. Sie alle haben also mit dem Sterben eine gemeinsame Erfahrung. Nur hat noch niemand davon berichten können.)
Borges spricht von einer gewissen Ungeduld, die er verspürt und ihm scheint, er habe schon zu viel gelebt. „Und außerdem bin ich sehr neugierig. Ich glaube, bin mir aber nicht sicher, dass der Tod einen ganz bestimmten Geschmack haben muss; es muss etwas Eigenartiges sein, was man nie zuvor empfunden hat.“ An anderer Stelle denkt er über die Idee nach, dass die Tiere die Zeit nicht kennen, dass Zeit den Menschen eigen ist: „ Der Mensch kennt den Tod bis ins Mark, bis auf die Knochen. Der Mensch hat den Tod erschaffen.“

Oyó vivas y oyó mueras,
oyó el clamor de la gente.
El sólo quería saber
si era o si no era valiente.



(14:17 Uhr) In Borges Weltdeutung hat die unendliche Bemühung der Literatur, die zugleich Rechtfertigung des Lebens ist, die Rolle zu spielen, die der Bemühung um die Erfindung und Wiederfindung des Erdteils Tlön entspricht. Das Geheimnisvolle, Unentzifferbare, Verschlüsselte, Entlegene, nicht jedermann Zugängliche bildet ein hermetisches Labyrinth, das seinen Schöpfer einschließt. Es scheint, als ob Borges sich einem breiten Publikum verschließt, sich von vornherein nur an den Kenner wendet - oder doch nur an sich selbst. Marianne Kesting behauptet auf jeden Fall, Borges verdanke sein Bekanntwerden in Deutschland dem Zufall einer Preisverleihung...

(14:41 Uhr) Dulce de leche ist endlich fertig. Muss nur noch abkühlen. Im Kühlschrank liegen auch schon zwei argentinische Rindersteaks, denn das Abendessen soll heute keinesfalls auf ein Niveau herabsinken, wie Manguel es für die Abende mit Bioy und Silvina Ocampo beschreibt: "The food is terrible - boiled vegetables and a spoonful of dulce de leche for dessert." Für Borges war das immer eher nebensächlich.

(15:59 Uhr) Die erste Geschichte, die Borges und di Giovanni gemeinsam übersetzten war Der andere Tod. Letzterer beschreibt diesen Prozess als eine der glücklichsten und schicksalhaftesten Erfahrungen seines Lebens. Alles in allem dauerte die Arbeit ungefähr eine Woche, einschließlich dreier Nachmittagssessions mit Borges. Als sie fertig waren, erkannte er „that what we had achieved was truer to the original tone in meaning and complex intentions of the author than any other translation of his into English until then.“
Sie hatten also in der übersetzerischen Zwickmühle zwischen Emotion und Idee etwas geschaffen, was eine Nähe zum Original besaß, die der Bedeutung von Deckungsgleich bis dahin am nächsten kam. Kein Wunder das Borges seinen autobiographischen Essay wenig später gleich in englische Worte fasste, in seine zweite Muttersprache.

(17:22 Uhr) Gegenüber Barnstone bezeichnete Borges La Recoleta bereits Mitte der Siebzigerjahre als schrecklichen, morbiden Ort, einen furchtbaren Aspekt militärischer Vergangenheit. Barnstone selbst saß eines späten Juninachmittags mit seinem Sohn Robert im Auto, als er von Borges Tod hörte. Er fuhr mit einem Anhänger voller chinesischer Möbel auf dem Pennsylvania Turnpike und es ging ein heftiger Regenschauer nieder, als die Nachricht im Radio kam...

(18:26 Uhr) Zeit für ein ausgiebiges Abendessen. Ein Thema, zu dem Estela Canto folgendes beizusteuern hat: „In jedem Restaurant, das wir besuchten, bestellte er zunächst beim Kellner sein bewusstes Menü: Reissuppe, ein gut durchgebratenes Beefsteak, Käse und Quittengelee…, dazu viel Wasser.“ Nach seiner Bestellung telefonierte er angeblich stets mit seiner Mutter. - Wein zum essen? Wohl weniger. Eher Wasser und Milch. Große Mengen Alkohol sind von Borges nicht überliefert. (Wenn man ihm glauben darf, hat er als junger Mann schlechte Erfahrungen mit Whisky gemacht. Berichtet zumindest Selden Rodman.) Hier mal ein Cidre oder dort vor der Lesung ein kleiner Schnaps gegen das Lampenfieber. Keine Eskapaden...



(19.01 Uhr) So, nun noch eine Portion selbstgemachtes Duce de lece zum Nachtisch und hinterher einen heißen Mate. Dann geht es aber gleich zurück an die Bücher...

(19:51 Uhr) Wie er selbst sagt, hat Pablo de Santis Borges schon in seiner Kindheit gelesen. Und er liegt wahrscheinlich richtig mit der Annahme, dass der da wohl eher eine Ausnahme war. Er vermutet allerdings, durch die frühe Lektüre habe sich Borges ihm sehr viel tiefer ins Bewusstsein gegraben, als dies der Fall gewesen wäre, wenn er ihn erst als Erwachsener gelesen hätte. Wenn seine Bücher in Deutschland vornehmlich als Krimis rezipiert werden, ist ihm das ziemlich egal. Die Bibliothek in seiner Fakultät sei zu dem absolut real und außerdem, so sagt er, haben ihn Bioy und Eco noch viel mehr beeinflusst. Auch recht.

(20:56 Uhr) 1968 wurde Borges gefragt, ob es ihm im Falle seiner Wiedergeburt etwas ausmachen würde, Borges zu lesen. Er verneinte mit der Hoffnung auf eine bessere literarische Zukunft. Da Borges mit wie auch immer gearteter Unsterblichkeit die Aussicht auf Vergessen verband, kann man folglich - zumindest theoretisch - nicht ganz ausschließen, dass irgendwo auf der Welt ein wieder geborener Jorge Luis Borges sitzt und Borges liest, ohne zu wissen, dass er der Verfasser ist. Oder hegt Borges unbewusst eine Abneigung gegen die Texte von Borges? Vielleicht haben Zufall oder Schicksal einfach bisher ein Aufeinandertreffen von Borges und seinen Büchern verhindert.

(21:55 Uhr) Dieser Tag hat mit Musik begonnen, er soll auch mit Musik ausklingen. Am Morgen Klassik, am Abend Tango. Ich lege mir jetzt dann mal die erste Scheibe von Astor Piazzolla auf. Preludio Para El Año 3001...



(22:39 Uhr) Und wer kommt nach Borges mit verworrenen Zeichen am besten klar? Natürlich der Semiotiker Umberto Eco, der den Meister aus Buenos Aires nicht nur oft zitiert, sondern ihm und seinen Figuren bzw. Themen mitunter auch einen Aufsatz widmet. (Man lese nur das Kapitel über Fälschungen und Nachahmungen in seinem Buch über die Grenzen der Interpretation!) Mit dem blinden Bibliothekar Jorge hat er ihm sogar in einem seiner Romane ein Denkmal gesetzt.
An anderer Stelle stellt Eco fest, dass es sich beim Borgesschen Universum um eine Welt handelt, in der verschiedene Köpfe und Geister nicht anders können, als nach den Gesetzen der Bibliothek zu denken, die jedoch die von Babel ist. Ihre Gesetze sind nicht die der neopositivistischen Wissenschaft, sondern es sind paradoxe Gesetze. Die Logik der Welt und die des Geistes sind beide eine eherne Unlogik. Nur deshalb kann Pierre Menard „denselben“ Don Quijote neu schreiben. Bei Borges besitzt die Unlogik mitunter ein derart beunruhigendes System; da sitzt dann der geniale Detektiv selbst im Gefängnis (Don Isidro) oder er wird wie Lönnrot in Der Tod und der Kompaß zum Opfer des nächsten Mordes.

(23.59 Uhr) Unaufhaltsam neigt sich dieser Tag seinem Ende entgegen und - vielleicht liegt es an Piazzollas Bandoneon - eine melancholische Stimmung schleicht aus dem Boden wie das Gras der Pampa, welches der Gaucho niederbrennt, wenn es zu hoch und zäh geworden ist. Borges sagt in seinem Gedicht El sueño: „Cuando los relojes de la media noche prodiguen / Un tiempo generoso / Iré más lejos que los bogàvantes de Ulises / A la región del sueño, inaccesible / A la memoria humana.“ Ich werde mir also einen letzten Gedichtband schnappen und mich in die weichen Kissen begeben. (Ob ich mir vielleicht vorher doch noch ein Glas argentinischen Rotwein genehmige?)
In den vergangenen achtzehn Stunden habe ich bedeutend mehr gelesen als geschrieben - eine Wertigkeit die Borges wahrscheinlich gefallen hätte, da man doch nicht auf die Texte stolz sein soll, die man schrieb, sondern nur auf jene, die man gelesen hat. (Diesen Satz kann man nicht oft genug zitieren!) Nach erledigtem Tagwerk also auf ins Reich des Schlafes und wenn man dann doch noch nicht schlafen kann, macht man es einfach wie Borges in den Vierzigerjahren: man spaziert stundenlang durch die dunkle Stadt. Doch am Ende sollte man glücklich sein, denn sonst hat man die schlimmste Sünde begangen, die ein Mensch nur begehen kann.


 
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