michaelhelming

die vorläufig letzte Fassung der Gegenwart


I shot the ALBATROSS (2007) PDF Drucken E-Mail

Unterwegs bin ich gern in Gesellschaft, auch auf kurzen Strecken und wenn ich den Schnellbus nach Konstanz nehme, dann kann ich mich darauf verlassen: irgendwo unterwegs steigt Maze zu. Wenn er mich sieht, setzt er sich auf den freien Platz neben mir und erzählt irgendetwas verrücktes, was ihm angeblich in letzter Zeit passiert ist. Nicht selten kommt es vor, dass er an einer Haltestelle unterbricht und etwas unerwartetes tut - vielleicht hilft er einem Rucksacktouristen aus Übersee beim Fahrkartenkauf. Ich bewundere Mazes polyglottes Talent und ich wundere mich immer wieder, wie viele junge Menschen aus Korea, Japan oder Brasilien Jahr für Jahr über die Oberschwäbische Barockstraße tingeln, ohne einen Brocken Englisch, Französisch oder gar Deutsch im Gepäck. Es ist doch ausgesprochen mutig, unterwegs zu sein, so ganz ohne vertraute Sprache.

Mir geht es so: wenn Maze erzählt, dann habe ich immer das Gefühl, ich bin direkt dabei – obwohl ich die Begebenheiten hinterher nie derart gradlinig wiedergeben kann, wie Maze sie erzählt hat oder sie jetzt erzählen würde. Ich kann sagen: Maze steigt immer in Meersburg aus, Haltestelle Kirche, während ich oft mit dem Bus die Fähre nehme. Maze hat einmal gesagt, dass Großstädter, die zwar über hundert verschiedene Grautöne unterscheiden können, aber für die übrige Farbensprache blind geworden sind, in Meersburg wieder das Sehen lernen könnten. Wer schon mal durch die Altstadt gegangen ist, versteht vielleicht, wie er das meint. Im November oder Januar ist das Städtchen zwar meist etwas einsam, jedoch eben nicht grau und im Sommer geht es dann oft derart lebhaft zu, dass es selbst Maze zu bunt wird. Am besten geht man an solchen Tagen nicht in die Stadt hinein, sondern den Hügel hinauf, auf den Friedhof.

Dort knirscht bei jedem Schritt der Kies unter den Füßen und manchmal verliert man zwischen weißgetünchter Mauer, halbhohen Hecken und den oft gleichförmigen Parzellen ein wenig die Orientierung. Labyrinthe können ja bekanntermaßen die vielfältigsten Formen annehmen, wobei man wohl zwei wichtige Grundtypen auseinanderhalten muss. Zunächst den in sich verschlungenen Weg, der sich allerdings nicht verzweigt, sondern eindeutig zu einem Ziel führt, welches meist im Zentrum liegt. In einem solchen Labyrinth kann sich keine Person verlieren, denn wenn man sich hier mit konstanter Geschwindigkeit voran bewegt, erreicht man nach einer bestimmten Zeit unweigerlich das Ziel, und kehrt man dort um, erreicht man ebenso sicher wieder den Eingang. Der andere Typ ist der des sich verzweigenden Weges, also eine Baum- oder Netzstruktur von Wegen, von denen meist alle bis auf einen nicht zum Ziel führen, sondern in Sackgassen enden oder als Schleifen in sich zurück kehren. Hier müssen auf dem Weg immer wieder Entscheidungen getroffen werden, wobei man sich beliebig lange im System umher bewegen kann, ohne zum Ziel oder zum Ausgang zu kommen. In solchen Labyrinthen soll schon so manches Individuum verschwunden sein und manchmal, so sagt man, leben sogar Ungeheuer darin.

Allerdings gibt es auch eine ganze Reihe guter Möglichkeiten, um aus diesen - nennen wir sie doch Häuser des Asterion - wieder herauszufinden. Man kann beim Betreten eine Spur legen, sei es mit Steinen, mit Farbe oder mit einem Faden. Man kann sich aber auch stets ausschließlich an der rechten oder linken Wand halten, muss sich aber beim Eintreten für eine Seite entscheiden und darf dann nicht mehr wechseln. So läuft man in einer gewissen Zeit alle Verzweigungen nacheinander ab. Da man auf diese Weise keine Abzweigung auslässt, die vielleicht zum Ziel führen könnte, gelangt man mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit irgendwann zum Ende des Labyrinths und wird nicht ewig umherirren, wenngleich es lange Zeit dauern mag, vor allem bei weitflächigen Labyrinthen, bis man alle Sackgassen überwunden hat und das Ende erreicht. Man könnte behaupten, der letztgenannte Typ besäße von beiden die größere Symbolkraft oder den größeren spirituellen Sinn. Sagt man derartiges, darf man dadurch jedoch nicht von den Fakten ablenken, also von der Wegstruktur des Friedhofs in Meersburg. Dort gibt es nämlich überhaupt kein Labyrinth. Die Wege sind als übersichtliches Raster angelegt. Trotzdem haben sowohl Maze als auch ich uns hier schon im Gespräch verloren und wir waren dabei wohl nicht allein.

Meint man landläufig, auf Friedhöfen sei es recht einsam, so war ein Alleinsein an jenem Donnerstag nicht möglich. Es war der 16. Juni. Ein Datum, von dem man behaupten könnte, es sei der Todestag des Pater-Brown-Erfinders Gilbert Keith Chesterton, welcher natürlich nicht in Meersburg begraben liegt. Auf den ersten Blick war der Friedhof menschenleer, aber dort, zwischen den Gräberreihen ging eine Person umher, ein alter Mann, der sich auf einen Stock stützte. Man hörte den Kies unter seinen Füßen. Er war anscheinend allgegenwärtig, wie ein Zeichen, und sehr kontaktfreudig, ja geradezu gesprächig, wobei er oft das Thema wechselte. Nicht leicht, folgte man seinen Zusammenhängen. Ach ja: er sah einen beim Sprechen nie direkt an, schaute eher gen Himmel, was Maze wohl als Homersche Abwesenheit bezeichnen würde. Und noch etwas: ein Augenlied hing ein wenig hinab. Das rechte? Der Mann sprach sehr, sehr langsam, machte regelmäßige, hier längere und dort kürzere Pausen. Sprach er Deutsch, dann sehr altmodisch und mit deutlichem Akzent. Er zitierte Heine, schwenkte plötzlich ins Englische, zitierte ein paar Zeilen Coleridge und war sehr verwundert, als er hörte, einige Menschen hätten noch nie etwas von Coleridge gehört. Alone, alone, all, all alone. Man konnte sich nicht sicher sein, ob Englisch nun seine Muttersprache war, wenn ja, dann war es vielleicht nicht seine einzige. Auch sein Englisch klang unendlich altmodisch. An Innuendo? Der Tod oder die Anspielung auf ihn macht Menschen manchmal ja etwas pathetisch, nicht wahr? Immerhin hatten wir uns auf einem Friedhof verloren, wenn nicht uns, dann vielleicht unsere Sprache und der alte Mann sprach immer weiter. For all averred, I had killed that bird. Er wechselte Worte, ja sogar Sprachen, wie ein Gedanke oder der Wind seine Richtung. Pensé en un mundo sin memoria, sin tiempo; consideré la posibilidad de un lenguaje que ignorara los sustantivos, un lenguaje de verbos impersonales o de indeclinables epítetos. Habe ich schon erwähnt, wie schwer es war, ihm zu folgen, wobei ihm nicht unterstellt werden darf, er hätte uns absichtlich verwirren wollen?

Wurzel aller Unzulänglichkeit ist natürlich unsere eigene und die unserer Sprachen. Man könnte sich besinnen und sagen, es sei interessant zu erfahren, was um alles in der Welt dieser alte und offensichtlich fremde Mann an einem schwülwarmen Sommertag (Gewitter lagen in der Luft) auf dem Friedhof in Meersburg zu suchen hatte. Zunächst war ihm lediglich zu entlocken, er befände sich auf einer Art unendlicher Odyssee. (Also nochmals: er war nicht von hier.) Auf die Frage, ob er denn dann Odysseus sei, antwortete er, er sei sowohl Odysseus als auch Homer gewesen. (Gewesen.) Man kann zweifellos behaupten: wenn jemand gewesen sei, dann ist er gegenwärtig eigentlich nicht. Oder?

Richtige Worte wurden gesucht, vielleicht ein mot juste. Der Mann hatte einen großen Namen, doch wurde dieser nicht genannt und er nannte viele Namen und er sprach weiter. Palabras, palabras desplazadas y mutiladas, palabras de otros. Out of the sea came he. Einige Fakten können allerdings hier noch festgemacht werden: der alte Mann gedachte, hier noch zwei volle Wochen lang auszuharren. In fünfzehn Tagen wollte er sich an Ort und Stelle mit einem gewissen – von ihm ein Leben lang sehr verehrten – Senior Mauthner treffen. Dieser Absicht musste natürlich ungläubig widersprochen werden, da das geplante Zusammentreffen wohl nicht recht wahrscheinlich schien, doch wenn einem im entscheidenden Moment sowohl das spanische wie auch das englische Wort für tot (muerto, dead) lediglich auf der Zunge liegt, was bekanntlich im sprichwörtlichen Sinne bedeutet, dass ein Wort wegen eines kurzfristigen Erinnerungsausfalls nicht artikuliert werden kann, dann muss mit Umschreibungen vorlieb genommen werden. Es wurde also behauptet, Mauthner befände sich an einem anderen Ort, was natürlich sowohl richtig als auch falsch gesagt war. "Sind wir das nicht alle?" antwortete der alte Mann, jetzt in klaren, deutschen Worten, so dass auch der rhetorische Gehalt der Worte mitschwang. Dann zitierte er allumfassend wie fließend den berühmten und möglicherweise ebenfalls unsterblichen Antiquar Joseph Cartaphilus, als seien dieser und er ein und dieselbe Person.


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