michaelhelming

die vorläufig letzte Fassung der Gegenwart


Bloomsday 2007 PDF Drucken E-Mail
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ODYSSEUS BLEIBT ZU HAUSE

(05:10 Uhr) Der frühe Vogel fängt den Wurm. Allerdings muss mir erst mal einer sagen, wie sie das anstellen, wo sie sich doch im Augenblick offensichtlich nicht aufs Wurmfangen, sondern aufs Singen konzentrieren. Unabhängig davon kann es sehr vorteilhaft sein, einmal vor den großen Helden aufzustehen, selbst wenn man kein größeres Abenteuer geplant hat, als in der eigenen Bibliothek zu stöbern.
Bloom schläft noch. Ich hab schon Kaffee gekocht und die erste Mail des Tages gelesen, die aus Göttingen kam und mir offenbarte, ich selbst sei in jüngster Vergangenheit auch Protagonist eines Traumes gewesen. Ein gutes Zeichen für diesen Tag, denn Borges hat einst festgestellt, dass man in den Regionen des Traumes weiter gehen kann als die Vorruderer des Odysseus. Seré todos o nadie…

(06:40 Uhr) Turm vor, Turm vor, c8 auf c4. Wenn man allerdings weder die zweitstärkste Figur im Schach meint, noch die Felsnadel des Geologen und auch nicht den Teil eines Krans oder U-Bootes – ja, dann bleiben immer noch genug Dinge übrig, mit denen man sich befassen kann. Ihr wollt also Türme und jener berühmte Martello-Tower wird immer noch von Träumen belagert. Da ich für Heute gelobe, mein Heim nicht zu verlassen, muss ich mit dem Turm vor meinem Fenster vorlieb nehmen und darf ihn allenfalls ein wenig heranzoomen. Wie täuschen uns doch oft unsere Sinne. Derselbe Turm erscheint von fern rund, von nahem viereckig. Immer wieder im Laufe unsere Geschichte wird jemand Genesis 10 gegen Genesis 11 ausspielen und Hochmut ist leider eine zentrale Eigenschaft des Menschen. Die Strafe dafür hat er ja schon erhalten, also braucht er sich auch nicht mehr zu zügeln. Du hast mich büßen lassen, dann lass mich jetzt auch sündigen...



(07:55 Uhr) The Gentle Art of Making Frühstück? In der Antike aßen und tranken die Menschen aus Meisterwerken, wird behauptet. Ich hingegen esse meinen glanzlosen Fabrikmuffin aus der Hand und auf die Schnelle, glaube ich doch nicht, dass mir der Kopf demnächst nach Niere steht. Ginka Steinwachs berichtet über eine – mich immer wieder faszinierende – Begebenheit, die erste Mahlzeit des Tages betreffend, welche hier in kurzen Worten wiedergegeben werden soll. Wir lesen uns dazu in eine kleine Bar unweit der Kathedrale von Pollensa. Die Sonne wirft sich vermutlich weißgolden gegen das altehrwürdige Bauwerk und somit einen Schatten über den Marktplatz. Die Inselwanderer haben eine große Kanne mit Schokolade bestellt, doch das ist auch alles, denn Essbares gibt es noch nicht zu kaufen. Mit acht Uhr morgens ist es für balearische Verhältnisse eben noch gar nicht Tag. Lese ich in einer Zeile von Frustration, so geschieht schon in der nächsten jener wahrhaft poetische Moment, der diese Geschichte so erwähnenswert macht: Ein Bäckerjunge kommt aus der Nebenstraße, überquert einsam den Marktplatz und hält dabei hoch über seinem Kopf ein Blech frischer Ensaimadas. Es riecht nicht nur nach frischen, turbanartigen Küchlein, sondern auch nach dem Speck, mit dem das Blech vor dem Backen eingerieben wurde. Kann sich ein Verlangen schöner erfüllen? Ist das nicht die Kunst eines ewig hungrigen Lebens?


(09:10 Uhr) „Jeremia, mein Sohn, gehe und zupfe an deinem Barte, das ist das Beste von allem.“ Dieser Satz ist vielleicht nicht der beste aller Zeiten, für mich gehört er aber auf jeden Fall unter die Top-Ten-Sätze-Ever, denn die einfache Aufforderung, sich den Bart zu zupfen, meint natürlich den guten Rat, über eine bestimmte Sache in Ruhe und intensiv nachzudenken - und das sollte man mit den meisten Dingen viel, viel öfter tun. Prophet hin oder Schmähung her. So einfach kann eine Lehre sein. Aber die Leute haben ja heutzutage für so etwas nicht mehr die Zeit oder sie weigern sich, diese einfach in Besitz zu nehmen. Als ob nicht mehrere Dinge gleichzeitig geschehen könnten, ohne dass ein Ding mehr oder weniger wäre als das andere. „Während ich die Akte lese, humpelt Ormus ins Badezimmer und lässt sich dort viel Zeit. Ich sollte eingreifen, aber ich weiß nicht recht, wie, noch nicht, jedenfalls. Außerdem lese ich. Außerdem weiß ich nicht so genau, wo sich das Badezimmer befindet.“ Diese Worte spricht ein Namensvetter des ersten arabischen Astronauten. Aber der Gang ins Bad ist ja irgendwie auch eine Reise ans Meer, zumindest an einen See oder Bach und wer die Angel auswerfen will, muss vorher vieles lernen: aufs Wetter schauen, das Wasser beobachten, die rechten Köder wählen und sie richtig befestigen, die Fischarten unterschieden, die Fische belauschen und die Schnurr in richtiger Tiefe halten. Schön ist es da, wenn man einen Lehrer hat, der einem ohne Worte Beispiel ist, oder zumindest nur mit wenigen...


(10:50 Uhr) Somit sind wir bei der Frage angelangt, wieviel Erde denn ein Mensch nun wirklich für sich benötigt und bereits 1896 hat Tolstoj dieses Rätsel kurz und knapp mit „drei Ellen lang“ beantwortet. Während der Totengräber also voller Vorfreude den Spaten poliert, zitieren wir den kolumbianischen Temporalmechaniker Octavio Berrilla mit den Worten: „Das Beste, was aus einem Menschlein werden kann, ist ein schöner Kadaver.“ Kaum eine Leiche darf ohne Zeremonie bleiben und wenn man dabei - wie der ertrunkene Shelley - mit mehr Wein übergossen wird, als man zu Lebzeiten je getrunken hat, was im Zusammenspiel mit Öl und Salz dazu führt, dass die gelben Flammen knistern und die funken sprühen – ja, dann kann man sich doch über die eigene Himmelfahrt nicht beklagen. Die Luft vibriert, die Leiche öffnet sich und das Herz liegt bloß. Wohl dem, der noch einen Freund hat, der die Asche zusammenfegt und sie an einen Ort wie diesen bringt. Keine Rolle spielt so etwas natürlich, wenn man schon tot ist bevor man tot ist, wie beispielsweise Benjamín Otálora oder aber, wenn man per Definition unsterblich ist. In der Tat kann man darüber spekulieren wie wichtig der Zeitpunkt sei, an dem sich ein Schicksal erfüllt; doch ist nicht die Frage wichtiger, ob es überhaupt eines gibt? – Tja, diese ewige Ungewissheit! Sie zieht alle Herzen zusammen, bis sie lediglich noch groß sind wie Bohnen. Wenn wir glauben wollen, es gäbe doch so etwas wie ein Ende, dann liegt der geistlose Rest vom Einen eben bei Herisau im Schnee und der des Anderen – sagen wir – am Fuße einer Gefängnismauer. Mit Kaisern und Königen!


(12:00 Uhr) Nun gut Herr Bloom:
SIE HABEN ES SO GEWOLLT !
Dublin (dpa) – Diejenigen, die so genanntes Enthüllungsmaterial zuspielen oder direkt anbieten, handeln selten genug aus einem Verantwortungsgefühl der Öffentlichkeit oder gar der Wahrheit gegenüber; häufiger tun sie es aus niederen Beweggründen, etwa aus Rache, gekränkter Eitelkeit, Geltungstrieb, unerwiderter Liebe oder Zahnhalskaries. Sehr oft tun sie es aber auch, um ihre Monatskarte für den Bus zu finanzieren oder die dritte Hypothek vom Eigenheim abzutragen und manchmal sind sie einfach nur vom Konsumrausch verblasen oder aus anderen Gründen geldgeil: Die Enthüllung wird so zur Ware, die an den meistbietenden verscherbelt wird.

VOLCANO DISASTER IN MARTINIQUE
Braunschweig (afp) – Während sich die wirkliche Katastrophe in Villingen ereignete, unterlief dem Träumer ein Lesefehler und zwei Männer trugen die gleiche Krawatte, obwohl sich einer von ihnen in Frankfurt und der andere in Paris aufhielt. Geheimen Plänen des US-Wirtschaftsministeriums zufolge soll Paris wieder zu einem Zentrum des Baumwollanbaus werden. Hierfür müssen allerdings alle Franzosen (sie stellen mit knapp 300 Einwohnern ca. 1% der Bevölkerung) ausgebürgert werden. Die Details will Nicolas Sarkozy bilateral mit seinem Schneider verhandeln.


(13:40 Uhr) Streichen oder tupfen? Auf Seite 235 heißt es bekanntlich: „Er tupfte sich unter jeden gelupften Streifen gelbe Klümpchen.“ Soll man wirklich tupfen? Oder soll man nicht doch vorsichtig streichen? Ich habe in der letzten halben Stunde an zwei genormten Sandwiches die Probe aufs Exempel gemacht und ich sage: „Wollt ihr es scharf? - Dann tupft es! Kleckst es von mir aus, aber keckert nicht!“ Im Prinzip ist es ja auch so, dass so ein Gorgonzola ausreichend aromatisches Selbstbewusstsein besitzt, um sich gegen die gelbe Gefahr durchzusetzen. Eat this! Rezeptlinks werden an dieser stelle absichtlich nicht weitergereicht. Es gibt ja genügend. Wer meine Variante testen will, dem sei als Ergänzung zu den berühmten Zutaten Charlotte und saure Gurke eingegeben. Soviel dazu. - Ich setze das Weinglas mit sachter Bewegung nieder und erkenne: eine Flasche Burgunder ist Geschichte. Aber Mr. Bloom ist bereits auf dem Weg in die Bibliothek. Soll er nur. Er hat es weiter als wir...


(14:22 Uhr) Pictures, Ladies and Gentleman! Soeben erreicht uns aus dem Umfeld des Schanklokalbetreibers Bernhard Kiernans die Nachricht, dass im fernen Breisgau ein neues Standardwerk zur Geschichte der Videokunst vorbereitet wird. 829 Seiten soll das in Leinen gebundene Werk haben und es soll – wie uns vom Verlag bestätigt wird – im Sinne des Wortes allumfassend sein, was die Sammlung bewegter Bilder angeht. Wir sind wirklich gespannt! Aber bis es soweit ist, wollen wir die Bibliothek besuchen, welche andere das Universum nennen. Wir wollen ein wenig stöbern: Oswald Spengler, the famous philosopher of history, includes in a brief list of the great Romantic poets the almost forgotten name of James MacPherson (1736-1796). He was born near Inverness in a region where the Gaelic language was still spoken. O en cualquier lugar. Entre nosotros tenemos a un gran escritor de ficciones científicas y de otras ficciones también. Me refiero, evidentemente, a Adolfito…


(14:59 Uhr)…nein, es gibt keinen Fluchtplan. Diese Sammlung von Schriftstücken könnte man als Labyrinth ohne Randzone bezeichnen, obwohl sie die Größe eines Punktes im Grunde nicht übersteigt. What is time? Wenn man mich nicht fragt, weiß ich es. Wenn man mich fragt, weiß ich es nicht. From another point of view, let us call it allegorical, Borges is doing what neither Lugones nor Hernándes did: he is putting an end to the cycle. Then, at last, after these spectacular public appearances, he flew to Iceland on April 13 with di Giovanni and his wife, a visit he was to describe as “the greatest revelation of my life.” Da wir grade bei Offenbarungen gewisser Argentinier sind: Warum erfahre ich DIES erst heute? – Has Ché already left the building? We will see...


(15:35 Uhr) An meinem ersten Tag in der Stadt ging ich die Dolores Street entlang und sah vor einem Exquisito Chop Suey Restaurant eine Gruppe chinesischer Junkies stehen. Von Chinesen ist allerdings kaum etwas zu bekommen. Sie machen ihre Geschäfte nur mit Chinesen. Ja, auf der Straße regiert das Vorurteil und die Macht des Stärkeren. Anyway. Die Leute in der friedlichen Straße, wo nie etwas passiert, wo nie etwas passieren sollte, waren alle ein bisschen aufgeregt. Die meisten Bewohner waren alt. Sie hatten nur einen Wunsch:


(16:40 Uhr) ganz laut Prince hören! Bis das Ohr blutet! Das übertüncht endlich die furchtbare Blasmusik, die schon den ganzen Nachmittag zu mir hereinsickert. Nicht weniger als 20 Millionen Europäer huldigen in unseren Tagen dem Okkultismus. (Gosh!) Hexenringe und Satanszirkel schießen wie Pilze aus dem modrigen Boden. (Oh mein Gott!) As the Beatles had displayed with Sgt. Pepper and later the White Album. Einwände, die darauf hinauslaufen, eine Rockgruppe sei harmlos, weil sie nur als werbewirksames Mittel mit dem Okkulten flirte, oder dass man sich selbst mit gutem Gewissen Okkultrock anhöre, selbstverständlich nicht um Satan anzubeten, sondern wegen des „Super-Sounds der Gruppe“, werden zuweilen als reines Ablenkungsmanöver abgelehnt. Electric Ladyland featured an amazing array of influences. Das bedeutet: Papst Raze ist deep in seinem Herzen Schlagersänger! Und jetzt wollen wir alle zu Led Zeppelin beten! Dramatize, Baby! And it´s good for the pussy as you can see in the picture. ZOOM DA PUSSY! Here is the message: If you love somethig, don´t analyse – move (with) it! Yeah! Yeah! Yeah!

(18:53 Uhr) D-das ist w-weder der richtige Ort noch die richtige Z-seit, um einen w-weiteren von diesen angeblich besten S-sätzen aller Zeiten herauszuposaunen. – Du bist ja schon betrunken, Jimmy. – W-wer will das wissen!? Sag lieber den Satz, den Du s-sagen w-wolltest und geh mir nicht auf die Nerven! – Tangotriefend zerschmolz das Wirtshaus rosig wie ein Klumpen Eiscreme. – W-wie? – Tangotriefend zerschmolz das Wirtshaus rosig wie ein Klumpen Eiscreme! – W-was soll das heißen? – Das ist Poesie, Jimmy. – Poesie? Hä! Möchte nur mal wissen, wer sich so eine Scheiße ausdenkt. – Das ist Dos Passos, Jimmy. – W-wer? – Dos Passos! – Ich w-will dir mal w-was sagen: Ich... - - - - - Was trinken? Jimmy? Trinken, trinken, trinken, trinken... Ein kleiner Drink. Das bereinigt alles, wie? – Es h-hilft... – Kannst du nicht auch ohne einen Drink mit etwas fertig werden? – Ich w-w-will d-dir m-mal w-was s-sagen. – Ja, Jimmy? – W-w-w-a-s-s-s-t-m... - - - Du lieber Himmel! Zahlen! Hab´s pressant!


(20:53 Uhr) Eine ganze Stunde verging, heißt es bei Melville, wie Blattgold ausgehämmert zu Jahrhunderten. Vieleicht sogar zwei! Verstehst du denn nicht, Junge!? Im Warten geht die Zeit nicht rum, also tu was, schwing dich auf die Füße. Außerdem siehste nix von der Welt, wenn du dich nicht vom Fleck bewegst. Es gibt ja die verschiedensten Beweggründe für Entdeckungsreisen. Wissensdurst gehört ebenso dazu wie einfach Neugierde oder Fernweh. Das Leben eines Abenteurers wird selten harmlos verlaufen. Es bewegt sich häufig genug zwischen den zwei Extremen Ruhm und Untergang. Wichtig sei nur, dass du Boden gutmachst, über Mauern springst, Dörfer und Städte hinter dir lässt. Menschenskind hast du noch nie eine Postkarte mit Palmen drauf gesehen? Es muss doch einen Ort geben, der dich anzieht wie ein Magnet...


(21:20 Uhr) Ja, ja. Da ist ja schon was dran, auch wenn sie hier mit der Penetranz einer Reiseverkehrskauffrau über mich herfallen. Selbst Umwege können ihren Reiz haben. Aber muss man dazu wirklich das Haus verlassen!? Freilich hat sogar Dickens auf seiner Amerikareise Umwege gemacht, oder wenigstens widersinnigerweise den gleichen Weg ein zweites mal benutzt (wobei ich es schlichtweg für falsch halte zu behaupten, man sehe so nichts Neues). Ja, ja. Durch das Innere des Staates Ohio und von St. Luis zurück nach Cincinnati, die Seen Streifen und nach dem Niagara Sandusky. Alles schön und gut, aber ihr Konzept von einer Stadt ist mir schon mal völlig egal und zwar weil das Cincinnati von 1842 eben nicht das Cincinneti von 2007 ist. Die Stadt von damals existiert nicht mehr, ist platt gemacht, ausgelöscht. Und jetzt denken sie das mal weiter: Das Buenos Aires von Borges existiert schon lange nicht mehr, ebenso wenig wie sein Genf, sein Lugarno oder sein New York. Wir dürfen annehmen, damit sind auch folgende Orte verschwunden: Homers Ithaka, Melvilles Insel Oomo oder sein New York, Döblins Berlin, Dos Passos New York (eine Stadt kann unendliche Male existiert haben, selbst wenn sie irgendwann damit aufhört), das Triest von James Joyce oder sein Paris – und daraus können wir endlich schließen, dass auch sein Dublin inzwischen verschwunden ist. Was ich damit sagen will ist, dass es sich nicht lohnt, irgendwelche Orte zu besuchen, weil sie eh nicht mehr in der Form existieren wie wir sie erwarten. Von den Folgen des Massentourismus mal ganz zu schweigen. Da bin ich mit einem Buch einfach besser bedient. Städte in Büchern werden nur selten von Stadtplanern verschandelt oder sonstwie durcheinandergebracht. Manchmal werden sie zerstört. Aber das ist halt das Schicksal von Städten...


(22:20 Uhr) Hat eigentlich schon mal jemand daran gedacht, dass Leute, die viel reisen, den Lieben daheim doch irgendwann mal fehlen könnten. „Auslandssemester ist ein bisschen wie sterben“, lautet nicht umsonst die Inschrift am Grab es unbekannten Studenten in München. Und was ist denn nun eigentlich mit Penelope? Auch der müssen Kofferpackstress und das ewige Warten auf ihren Alten doch irgendwann mal so einen Mordshals machen, dass sie Odysseus vor die Wahl stellt: Entweder ist jetzt Schluss mit dem ständigen Männerurlaub oder ich geh zurück zu meiner Mutter. Da wird dann auch die Ausrede „Geschäftsreise“ nicht mehr akzeptiert. Im Grunde gibt es nur einen guten Grund, lange von einer Reise nicht wiederzukommen: unterwegs sterben. Doch sind auch hier Fälle belegt, in denen Dienstreisende mit ihrem Ableben – selbst im schönen Venedig – nicht zufrieden waren, wobei das natürlich auch an der Art des Dahinscheidens liegen kann: „Oh God,“ he thought, „what a bloody silly way to die. …“ Der Fairness halber muss erwähnt werden, dass auch so mancher, der daheim stirbt, damit nicht unbedingt glücklicher wird. (Toter aber gottlob auch nicht.) Nehmen wir nur die chronisch reiseunlustige (weil Kleinkinder versorgende) Hausfrau, die von einem großen Klassiker dahingerafft wird. Nein, ich meine nicht die sechsbändige Littmann-Ausgabe von 1001 Nächten, sondern Kindbettfieber. Zur Lektüre empfohlen sei exemplarisch der Fall von Lucrezia Borgia aus dem Jahr 1519, auch weil sich der Krankheitsverlauf zwischen dem 14. und dem 24. Juni zutrug. Die zehn Tage hätte man sicher lieber Urlaub auf Bornholm gemacht, oder sonst wo. Hier zeigt sich wieder einmal, dass jede Reise doch nur die Fortsetzung einer einzigen, ewigen Reise ist, selbst wenn man daheim bleibt. Der Leib schwindet hin und das Herz ist verwundet...


(23:41 Uhr)
Michel de Ghelderode: Danach werd deinen Leib ich kosen...
Steffilein von Zimmer 77: ...wie der Vielfrass einen Korb erlesener Früchte?
Michel de Ghelderode: Genau so, Schätzchen.
Steffilein von Zimmer 77: Schön. Das macht mich immer total verrückt, wenn du...
Herr Bouvard: Also, wir täten dann gleich mal gehen.
Steffilein von Zimmer 77: Momentchen noch, ja?
Herr Pécuchet: Bemühen sie sich nicht. Wir finden allein raus.
Herr Bürgermeister: (tritt ein) Alles Sträuben ist vergeblich, verehrte Herren.
Michel de Ghelderode: Ich habe alles genau gesehen.
Steffilein von Zimmer 77: Diese beiden Herren haben keinerlei Anstand.
Herr Bouvard und Herr Pécuchet: (unisono) Wiiiiiir?
Herr Bouvard: Ich weiß nicht, wovon hier geredet wird.
Herr Pécuchet: So etwas ist mir noch nie passiert.
Herr Bürgermeister: Sie müssen es hergeben!
Herr Bouvard und Herr Pécuchet: (unisono) Ja, was denn?
Herr Bürgermeister: Sie verstehen mich schon, das weiß ich genau.
Michel de Ghelderode: Das Spiel ist aus. Sie sind verraten. - Dein Werk, Schätzchen?
Steffilein von Zimmer 77: Für dich tu ich doch alles.
Herr Bürgermeister: Also, her mit dem Flaubert!
Herr Bouvard: Aber der ist doch noch gar nicht fertig.
Herr Pécuchet: Und außerdem haben wir ihn zurecht behalten.
Herr Bouvard: Mit Erlaubnis des Herrn Pfarrer.
Steffilein von Zimmer 77: Das stimmt doch nie und nimmer!
Michel de Ghelderode: Das würde ich prüfen, Herr Bürgermeister.
Herr Bürgermeisetr: Keine Sorge.
Herr Pécuchet: Es handelt sich um ein schreckliches Missverständnis.
Herr Bürgermeister: Das wollen wir erst mal feststellen.
Michel de Ghelderode: Das Beste wird sein, wir durchsuchen sie gleich. (tut es)
Herr Bürgermeister: Was ist denn das?
Michel de Ghelderode: Hab ich mir fast gedacht.
Herr Pécuchet: Aber das ist doch nur...
Michel de Ghelderode: Wir sehen es alle!
Herr Bürgermeister: ...ein Wurstbrot?
Michel de Ghelderode: Steffilein, magst du ein Wurstbrot?
Steffilein von Zimmer 77: Ich mag kein Wurstbrot, das für einen Hund bestimmt war.
Michel de Ghelderode: Mit Schinken?
Herr Bouvard: Guter Schinken!
Steffilein von Zimmer 77: Nein, wirklich nicht.
Herr Pécuchet: Schade um das schöne Brot.
Herr Bouvard: Steffilein, du müsstest dir schönere Schuhe kaufen...
Herr Pécuchet: ...dann wird´s auch was mit den Männern werden.
Steffilein von Zimmer 77: Glauben Sie?
Herr Bürgermeister: Ruhe! Ich habe genug gehört. Alle kommen mit aufs Rathaus!

(01:02 Uhr) Mit der Nacht schwindet alles, schwindet alles dahin, verschwindet, wie ein Koffer auf unendlich langen und verschlungenen Transportbändern am Flughafen. Alle Wege lösen sich auf, die Logistik und auch die Logik, ja selbst die Katzen – sie werden grau. Auflösung ist ständig. Nur des Nachts sind wir besonders sensibilisiert dafür, wenn ohnehin die meisten unserer Sinne nicht beansprucht werden. Wir können nicht ganz ohne Sinne sein, dann würden wir wahnsinnig werden. (Das gibt nur Streit und Rangeleien!) Kaum einer regt sich auf, wenn bei Tag ein Wald schütter wird, karg wird, und wenn er dann versickert, hier und dort einen dürren Stamm zurücklassend. Doch wenn wir bei Nacht eine Lücke im Geäst über uns entdecken und die Sterne oder gar der Mond hindurchscheinen, dann sprechen wir nicht von mehr oder weniger dichtem Wald, sondern vom mehr oder weniger erleuchteten Himmel. Wir sehen immer zum Licht. Und wo keines ist, da machen wir welches. Wir befehlen dem Licht, indem wir Schalter betätigen, schalten die Auflösung ab, glauben wir. Trotzdem bleibt die Nacht die Zeit, in der die Dinge aus dem Ruder laufen und die Verhältnisse nicht mehr stimmen. Die Zeit der umgestülpten Werte, in der die Regeln des Tageslichts nicht mehr gelten. Im Sommer kann das sehr schön sein. Bei offenem Fenster und Grillengesang. Man kann immer noch eine Kerze entzünden...


(02:02 Uhr) Asterion! Räum dein Zimmer auf! Pflichten! Pflichten! Überall Pflichten! Einige reisen, sind immer auf der Flucht vor Pflichten und stets auf der Suche nach Freiheit. Doch wenn Freiheit die Option darstellt, möglichst viele unterschiedliche Dinge tun zu können, dann müsste man Freiheit am Ehesten in einem vertrauten Zuhause finden, wo alle Pflichten durch eine Mischung aus Entscheidungsfreiheit und Routine komprimierbar werden. Natürlich sind die Grenzen zwischen Wohnung und Gefängnis fließend. So aber auch die zwischen Reisen und Verbannung. Mit den Worten des kommunistischen Knastbruders Arregui könnte man sagen: In gewisser Weise sind wir vollständig frei, so gegeneinander zu handeln, wie wir wollen. Drück ich mich verständlich aus? Es ist, wie wenn wir auf einer einsamen Insel wären. Einer Insel, auf der wir womöglich jahrelang allein sind. Denn außerhalb, natürlich, da stehen unsere Unterdrücker, aber hier innen nicht. Hier unterdrückt niemand. Das einzige Verwirrende für meinen müden oder konditionierten oder deformierten Kopf ist, dass jemand mich gut behandelt, ohne irgendetwas dafür zu verlangen. – Jo. Im Prinzip ist es das und wenn jetzt irgendein Klugscheißer meint, er muss KANT, KANT rufen, dann kann er von mir aus erst einmal den Müll runterbringen und sich anhören, dass ich einen Müllschlucker habe. ¡Sí! ¡Libertad y libertinaje por siempre!


03 15 Uhr Der nächste Tag war ein Sonntag Bloom war schon längst in die Falle gegangen Der letzte Tropfen Zeit schien einfach verbraucht Die Satzzeichen wurden im Nachtruhemodus des Rechners automatisch abgeschaltet Wollte Odysseus noch etwas sagen vielleicht ein letztes Zitat bringen Natürlich Dante Purgatorio Nicht glaube ich dass so viel Licht hervor aus Venus Wimpern brach da sie vom Pfeil des Sohnes unversehens getroffen ward Das sollte dann auch reichen Wenn die Welt durch das Wort erschaffen wurde sollte es uns nicht überraschen wenn sie durch den selben Ausdruck zerstört würde Und so schlossen wir die Buchdeckel Odysseus schaltete von Whiskey auf ein Gemisch aus Absinth und Isodrink um und erinnerte sich an Epikur Solange ich bin ist der Tod nicht und wenn er ist bin ich nicht mehr Das würde bedeuten die beiden könnten niemals zusammen einen Kaffee trinken gehen Gewöhnungsbedürftig Sag schon Ja Nein Weiß nicht Im TV lief noch dieser interessante Film und wo Worte abgestellt sind da sind Bilder nicht fern und wünschen allen das Beste auch eine gute Nacht und einen guten Tag viel Spaß daheim und natürlich eine gute Reise

 
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