michaelhelming

die vorläufig letzte Fassung der Gegenwart


Die Wurzel des Ajin (2005) PDF Drucken E-Mail
     "God is in the making."
  -George Bernhard Shaw-

Sehen Sie doch mal, Jardinero, es geht doch hier um nichts. Sie verstehen? Alles ist eigentlich schon vorbei. Gewiss, ich erscheine hier vielleicht zunächst als so eine Art Sieger, aber das bin ich nicht. Ich bin genauso ein Verlierer wie Sie, Jardinero. Das können Sie mir glauben. Oder anders: Wenn ich der Sieger bin, dann sind Sie es auch.

Wenn Sie mich als Geschäftsmann fragen: Sie hätten bei Narzissen bleiben sollen. Da gab es doch immer einen Markt. Von mir aus Lilien oder Sauerklee. Was Sie wollen.

Irgendwas, was auch Profit abwirft. Nichts, was einfach nur wächst, sich ausbreitet und alle gewinnträchtigen Kulturen verdrängt. Das hat Folgen. Sie haben rechtzeitige Investitionen versäumt, nicht nur, was die Instandhaltung betrifft, ja, und jetzt haben wir den Salat. Gewächshäuser und Anlagen sind nur noch Rost. Nicht mal mehr Schrott, Jardinero. Das kann man abreißen, sonst nichts. Ich weiß, dass das alles hier für Sie und Ihre Familie ein Werk von Generationen darstellt. Ihre Tradition und ihr Leben. Aber versuchen Sie doch mal, auch meine Seite zu verstehen. Ich habe wirklich alles Menschenmögliche versucht, um Ihnen aus Ihrer finanziellen Verlegenheit zu helfen. Aber nun müssen Sie sich halt auch an die Regeln halten. Sonst bricht alles zusammen. Wenn ich das alles vorher geahnt hätte, das kann ich Ihnen sagen, dann wäre ich mit meinen Diensten nie in Ihr Leben getreten. Aber da sahen die Bilanzen eben auch noch nicht ganz so inkohärent aus. Die Splitter müssen sein. Das haben wir doch besprochen. Die Leute kommen nachher leichter voran, wenn sie zunächst das Glas aus den Fugen schlagen. Ich bin mir durchaus bewusst, dass dann nur noch ein zugiges Gerippe übrigbleibt. Das ist jetzt eben nicht mehr zu ändern.

Warum haben Sie sich vorher nicht wenigstens ein bisschen schlau gemacht? Dann wäre das alles vielleicht vermeidbar gewesen. Es gab also keinerlei Informationen über dieses Gewächs. Wie darf ich das verstehen? Nicht mal Fotos? Keine einzige Abbildung? Das ist doch Unsinn, Jardinero. Muss ich Ihnen wirklich erst erklären, wie sehr sich unsere Zivilisation am Darstellerischen orientiert? Wissen Sie, ich denke, wenn es von etwas keine Bilder gibt, dann kann es nicht einmal so etwas wie der Tod sein. Selbst von dem kann man sich ein Bild machen, wenn auch nur ein vergleichsweise schwer durchdringbares. Sicher kann man beim Gedanken an den Tod in Aberglauben und Schuldgefühle verfallen, aber das einzig Mystische am Tod ist doch, dass dabei Menschen verschwinden, nicht wahr.

Natürlich weiß ich, dass die Beschäftigung mit der Pflanzenzucht alle Religionen zu allen Zeiten beschäftigt hat. Priester und Mönche waren die Ersten, die Gärten und Gewächshäuser anlegten. Sie gaben ziellosem Unkraut den Wert von Arznei oder anderen nützlichen Dingen und ihr Wissen bleibt ein wertvoller Schatz, ja, vielleicht sogar eine der wichtigsten Wurzeln des folgerichtig handelnden Menschen. Geschenkt, lieber Jardinero, geschenkt. Aber das mit Ihrem - nennen wir es Orden - und dem Bilderverbot, das scheint mir doch ein wenig zu unglaubwürdig. Spielt doch gar keine Rolle, ob Sie dem Orden angehören, angehört haben oder ob Sie sich lediglich für sein Gedankengut interessieren. Aus welchen Gründen auch immer. Aber wie kann eine Pflanze als Schöpfungswerkzeug dienen, wenn sie doch zunächst einmal selbst ein Geschöpf ist? Kommt dann irgendwann mal jemand und gewinnt aus ihrem Saft Elixiere, wie sie bei der Erschaffung der Welt verwendet wurden? Einfach so? Nachdem Naturwissenschaftler und Philosophen längst an ihren Versuchen gescheitert sind, einen derartigen Saft aus Formeln und Grammatik herauszupressen. Ich behaupte ja gar nicht, sie hätten es inzwischen aufgegeben. Wenn man sich jedoch nicht mit dem unmittelbaren Nutzen einfacher Ergebnisse begnügt und keinen Schlusspunkt finden will, dann endet so eine Suche immer im Verlust des Glaubens, in Selbstzerstörung und Wahnsinn. Der Mensch verkraftet nun einmal das Fragen nach Ursachen nicht besonders, zumindest solange, wie er unfähig bleibt, wenigstens Bruchteile ihrer vermeintlichen Auswirkungen sehen und begreifen zu können. Da düngt man dann mit viel Zeit und Geld einen Baum ohne essbare Früchte.
Die Ziegelbrennereien in der Nachbarschaft habe ich auch erworben, das ist wahr, ja.

Ich weiß noch nicht genau, was ich damit anfangen werde. Ich habe mehrere Ideen und Interessenten. Sendemasten will zum Beispiel einer gerade hier aufstellen, wo wir jetzt stehen. Vielleicht machen wir aus dem Grundstück viele kleine. Aber ist das jetzt noch wichtig?

Wir reden hier doch nicht von Botanomantie, oder so was – oder denken Sie ernsthaft, dass wir das gerade tun? Mystik? Religion? Esoterik? Das sind doch Definitionen, hinter denen sich Dogmen und im besten Fall noch Axiome verbergen, Begrenzungen, die wir gar nicht nötig haben, Jardinero. Finden Sie nicht auch?

Ich will Sie ja gar nicht ausfragen, wie Sie an die Pflanze gekommen sind. Das interessiert mich alles nicht. Sie müssen nur zugeben, es ist ein wenig - sagen wir ungewöhnlich - wenn ein Gewächs offensichtlich zugleich eine Pflanze, ein Buchstabe und eine Zahl ist. Wenn dieses Grünzeug dann auch noch ein Wort darstellen soll, dessen Bedeutung man vielleicht am ehesten mit nichts umschreiben kann, dann wird es - verzeihen Sie den Ausdruck - nein, so habe ich das nicht gemeint. Das wollte ich nicht sagen. Sie missverstehen mich. Aber selbstverständlich habe ich vor solchen Dingen und Ansichten Respekt. In Ihrem Fall auch, weil ich Sie ja nun schon ein wenig kenne. Jedem andern Wesen gegenüber ebenfalls. Allerdings ändert das nichts an der gegenwärtigen Situation. Darauf will ich ja hinaus. Je länger so was dauert, um so schwieriger wird es, sich da wieder rauszuwinden. Seien Sie doch mal vernünftig. Sehen Sie bitte ein, dass – ich lasse – denken Sie nur eine Sekunde darüber nach, wie – aber ich lasse Sie doch ausreden.

Wenn Sie es sagen, glaube ich Ihnen auch, dass der griechische Vokal Omega eine Ausgeburt diese Nachtschattengewächses ist. Aber was hilft das? Tut mir Leid. Also schön, es ist kein Nachtschattengewächs. Ich entschuldige mich für diese Bemerkung. Schon recht. Wenn ich mit meinen Bemühungen, Ihnen zu folgen, nicht völlig im Begriff bin zu scheitern, dann könnte man zusammenfassend vielleicht wenigstens sagen, dass diese Pflanze Teil einer Natur ist, in der die Flora eine Metapher des Glaubens darstellt. Ist das so? Die Pflanze wächst nicht, um die Wahrheit zu sein, sondern um die Suche nach ihr anzuregen. Ja, das habe ich verstanden, Jardinero. Wie ein inneres Auge, ja. Und damit ist sie dann Wahrheit?

Ich würde nicht darüber hinausgehen, sie als real zu bezeichnen.

Dass sie wächst ist nicht zu übersehen. Sie wuchert ja geradezu. Allein jetzt, in der Zeit, in der ich hier mit Ihnen rede, an Sie denke, Ihnen schreibe, hat sich ihre Ausdehnung vervielfacht. Es ist, als ob sie nur darauf gewartet hätte, dass jemand das Glas durchbricht und sie sich ihren Weg ins Freie bahnen kann. Offen gestanden: selbst der aufmerksamste Betrachter kann das Gewächshaus wohl nur noch erahnen, so überwuchert wie es sich inzwischen darstellt. Durchaus, ja. Ich kann Ihnen folgen, wenn Sie sagen, wie heikel es ist, das Kraut auszugraben, ja auch nur einen Ast abzuschneiden. Durch Entwurzelung kann man Dämonen erschaffen oder im schlimmsten Fall die Welt vernichten. Versuchen Sie, es vorsichtig abzustreifen, Jardinero. Ja, mir kommt es auch so vor, als hätten wir uns in hohe Hecken geschlagen, ohne es zu merken. Dabei kann man kaum noch einenFuß vor den andern setzen. Ach, da sind Sie. Ich dachte - wissen Sie - ich kann Sie kaum noch sehen, Jardinero. Aber ich erkenne Ihre Stimme. Wenn das hier alles vorbei ist? Tja, also, was ich nach der Zwangsversteigerung machen werde, weiß ich definitiv noch nicht, wenn ich diesen Tag nach all dem Papierkram und dem ganzen Warten überhaupt noch erlebe. Doch, so lange scheint mir die ganze Geschichte hier nun schon im Werden. Ob ich nicht wenigstens grundsätzlich daran glaube, dass wir uns aus der menschlichen Welt entfernen können und müssen, um in eine andere hineinzuwachsen? Das hängt wahrscheinlich auch davon ab, Jardinero, ob wir nur Worte gewesen sind, oder jemand.


©2005 www.michael-helming.de

 
< zurück   weiter >