michaelhelming

die vorläufig letzte Fassung der Gegenwart


Nachtbelichtung (2002) PDF Drucken E-Mail
Worte sind zuweilen wie ein Gewirr von Schildern, auf denen die Namen jener Straßen stehen, in denen du dich auf dem Heimweg verläufst. Ein gesprochenes Wort ist der Nachbar, mit dem du Tür an Tür lebst, während du einem Gedanken nachgehst. Und ein Gedanke kann mechanische Eigenschaften haben, sich wie Mondphasen durch Wochen und Jahre bewegen. Gedanken drücken mit ganzer Einbildungskraft auf den Auslöser deiner Erinnerungskamera, immer dann, wenn du vergessen hast einen Film einzulegen. Es macht einfach klick.
Deshalb sitze ich nahezu jede Nacht am offenen Fenster. Ich halte Ausschau, ob es irgendwo da draußen klick macht. Vor mir, im Schein einer Venusiasleuchte, liegt ein leerer Bogen Papier und wenn ich fündig werde, fange ich an zu schreiben.

Will man gesprochene und geschriebene Worte nach Licht und Dunkel trennen, dann liegt die Schrift immer auf der Schattenseite. Schrift ist ein besinnlich lautloser Weg der Mitteilung und geradezu geschaffen für Stunden, in denen alles schläft, allein die Gedanken noch wach bleiben. Vielleicht schreiben deshalb so viele Menschen, die dies mit Leidenschaft tun, während der Nachtstunden. Wer nachts schreibt, träumt und wacht zugleich, ist mit den Geheimnissen der Dunkelheit allein und doch völlig von ihnen allein gelassen.

Mein Nachbar taucht am Fenster auf. Er streckt seinen Kopf zu mir herein und wir plaudern eine Weile. Wir reden über den Mond und das Wetter. Ich sage ihm, was ich denke. Ein geschriebenes Wort kann die Abbildung eines gesprochenen sein, denke ich manchmal. Genauso oft denke ich, ist ein gesprochenes Wort nur die Kopie eines geschriebenen.

Er verabschiedet sich. Mein Nachbar geht heute abend wieder aus. Meistens bin ich noch wach, wenn er zurückkommt.
Von meinem Platz aus kann ich vieles sehen. Die letzten Nachtschwärmer kommen heim und die ersten Straßenlaternen gehen aus. Meine Notizen wachsen und mit jedem klick kommt ein neues Bild dazu. So habe ich mir mit der Zeit eine beachtliche Sammlung angelegt und wenn ich in vergangenen Nächten blättere, stoße ich dabei immer wieder auf Regelmäßigkeiten.

Einige Abläufe geschehen einfach, ohne mich weiter anzurühren. Andere jedoch, mag ich schon allein für die Tatsache, daß sie so gut sind, sich immer wieder verläßlich von neuem abzuspielen. Dabei denke ich vor allem an meinen Nachbarn, der dreimal die Woche das

Haus gegen Mitternacht verläßt und erst kurz vor Sonnenaufgang zurückkehrt. Zu diesem Ritual gehört, daß er im Kommen wie im Gehen den Kopf zu mir ins Fenster streckt und wir plaudern eine Weile. Wir reden über die Sterne und das Leben. Ich sage ihm, was ich denke.

Geschriebene Worte, denke ich manchmal, sind ein Archiv schlecht fixierter Gedanken.

Sie sind Straßenpläne, Mondkalender, Tagebücher (wenn man nur nach Einbruch der Dunkelheit in sein Tagebuch schreibt, sollte man es besser Nächtebuch nennen) und das Namensschild an Nachbars Tür. Mein Nachbar tastet in seiner Jackentasche nach seinem Schlüsselbund und verabschiedet sich.
Mein Nachbar trägt stets einen kleinen grauen Koffer bei sich. Ich kann mir nicht vorstellen, daß ihn je ein Mensch ohne seinen kleinen grauen Koffer gesehen hat. Lange Zeit hielt ich diesen Koffer für derart geheimnisvoll - zum Schreiben einer Agentengeschichte hätte er mich beinahe verleitet. Doch schließlich konnte ich diese Idee verwerfen. Das war an einem Abend, an dem mein Nachbar sich wie gewöhnlich vor meinem Fenster eingefunden hatte. Mitten im Gespräch reichte er ganz beiläufig jenen Gegenstand, der meine Einbildungskraft bis dahin beflügelte, durchs Fenster und vor meinen Augen sprangen die Verschlüsse auf.

In seinem Koffer befindet sich eine Leica. Daneben, ordentlich in Schaumstoff gebettet, Objektive, Vorsatzlinsen und noch weiteres Zubehör. Ausgiebig führte er mir nun alles vor. Er sprach von Visaflex und Zwischenringen; ließ die Universalschnecke schwärmerisch von der rechten in die linke Hand wandern, bevor er sie dann vorsichtig zu mir hereinreichte, als wären wir Kinder und er präsentierte seinen neuen Hamster. Mein Nachbar hat sich in seinem Bad eine Dunkelkammer eingerichtet. Wenn es bei ihm einmal klick gemacht hat und er so richtig ins Erzählen kommt, dann ist ihm oft nur schwer begreiflich zu machen, daß ich mit den meisten Dingen, von denen er spricht, nichts anfangen kann. Selbst dann nicht, wenn ich sie mit eigenen Augen sehe.

Besondere Aufmerksamkeit habe ich der Fotografie nie geschenkt. Mein Nachbar dagegen, verfügt in dieser Beziehung über einen ausgeprägten Hang zum Fanatismus. Für ihn ist ein Foto ein Wahrheitsbeweis, ein Beleg für den Sehenswert des Abgebildeten. Er bekannte einmal, jeder Abzug, schon ein Negativ allein, gebe ihm wenigstens einen Funken Sicherheit, daß die Dinge, die er wahrnimmt auch tatsächlich existieren.

Durchaus sehe ich ein, daß Fotos Ereignisse weniger abstrakt ins Bewußtsein rücken, als es ein Text je könnte, doch ich schätze gerade jene Freiräume, die der Vorstellungskraft aus dieser Abstraktion erwachsen. Ich schreibe, um Betrachtungsweisen zu erhalten, nicht um Beweise sicherzustellen.

Den ganzen Abend schon hatte es geregnet. Der kleine graue Koffer war inzwischen aus meinen Gedanken verschwunden, zum gewöhnlichen Accessoire geschrumpft, gehörte zu meinem Nachbarn wie sein Mantel und sein Schlüsselbund. Gleichmäßiges Tröpfeln kam von allen Bäumen und Mauervorsprüngen, begleitet von leichtem Wind, wodurch von Zeit zu Zeit ein Regentropfen auf dem leeren Blatt vor mir landete und das Papier aufwellte.

Mein Nachbar tauchte am Fenster auf. Er streckte seinen Kopf zu mir herein und wir plauderten eine Weile. Wir redeten über die Brems- und Blinklichter vorbeifahrender Autos und über jenes feuchtdunkle Rauschen, das überall in der Luft hing. Er sagte mir, was er dachte. Mein Nachbar denkt oft mit Wehmut an die Abracadabrahaftigkeit dargestellter Dinge. Er denkt, mit der Zahl der Betrachtungspunkte erhellt sich ihre Beweiskraft. Genauso oft denkt er jedoch, die Beweiskraft erblindet mit jedem neuen Betrachtungspunkt ein bißchen mehr, bis hinein in völlige Dunkelheit.

Schließlich wollte er wissen, ob ich eigentlich nur hier am Fenster schreiben könne, dem einzigen Ort, an dem er mich bisher je zu Gesicht bekam. Was ich zur Antwort gab, ist mir entfallen. Ich erinnere mich jedoch, wie er begann, mich von meinem Platz wegzulocken. Er überredete mich, ihn in dieser Nacht zu begleiten und zunächst zögerte ich noch. Mein erster Einwand war, ich könne in der Dunkelheit dort draußen nicht genug sehen, um auch nur einigermaßen leserliche Zeichen aufs Papier zu bringen, worauf er mir entwaffnend eine Taschenlampe durchs Fenster reichte. Der zweite galt der Befürchtung, es könnte auch weiterhin Regnen. Nasses Papier ist unbrauchbar. Doch er wehrte ab, auch seine Ausrüstung sei empfindlich und er habe keinesfalls vor, sich allzu lange im Freien herumzutreiben. Dabei zog er einen Schlüssel aus der Tasche, den er zunächst umständlich vom Bund löste. Dann nahm er ihn mit gespielter Geste zwischen die Zähne, als prüfe er eine Goldmünze auf ihre Echtheit.

Er habe, so bearbeitete mein Nachbar mich weiter, mit den Jahren die schönsten Plätze der Stadt gefunden, die sich ein Betrachter nur wünschen kann. Egal, ob man seine Erlebnisse nun in Tinte oder Bromsilber festhält. Als ich ihn schließlich fragte, wohin es denn genau gehen sollte, waren wir schon auf der Straße und setzten uns in Marsch.

Wir gingen zunächst stadteinwärts, stießen beim Spitalturm auf die südwestliche Ecke der mittelalterlichen Befestigungsanlagen und hielten uns dann in nördlicher Richtung, immer entlang der Stadtmauer. Katzen huschten neben uns durchs Gebüsch und über uns verstärkte ein verwaschen grauer Wolkenteppich die Dunkelheit. Nicht einen einzigen Stern, geschweige den Mond, konnte ich erkennen. Ob es nicht viel zu finster sei, für annehmbare Fotos, ging es mir durch den Kopf. Im selben Moment stellte ich fest, daß ich davon sprach.

Zu dunkle Nächte könne es gar nicht geben, antwortete mein Nachbar mit einem Lächeln, höchstens Filme mit zu geringer Lichtempfindlichkeit.Dann schwieg er den weiteren Weg und wir passierten bald darauf die Kreuzung am Meersburger Tor, wo mein Nachbar mit einem Mal mitten auf der Straße stehen blieb.

Er atmete tief durch, blickte sich dabei zufrieden um wie ein Alpinist, der gerade den Gipfel erreicht hat. Ein Frage- und Antwortspiel aus Licht umgab uns. Es floß aus Gardinenschlitzen, Leuchtreklamen, Laternen und Ampelanlagen, strömte an diesem Ort zusammen und wir befanden uns plötzlich mitten im Brennpunkt, im Zentrum einer hell erleuchteten Glocke, die sich gegen den Druck des übermächtigen Nachthimmels zu wölben schien. Von hier aus betrachtet, erhielten einige der umliegenden Häuser einen befremdlichen Lichtsaum. Der Hintergrund leuchtete auf und die uns zugewandten Motivpartien lagen im Schatten. Andere Gegenstände befanden sich im Streiflicht. Unebenheiten, selbst geringe Erhebungen oder Vertiefungen traten deutlich hervor. Die Fassade des alten Spitals hingegen, setzten frontal platzierte Flutlichter in Szene. Der Bau warf nahezu keinen Schatten. Die Bildplastik dieses Gebäudes schien sich dabei völlig aufgelöst zu haben.
Ich drehte mich nach meinem Nachbarn um. Er war weiter gegangen. Ich sah ihn gerade noch aus der Lichtglocke heraus treten. Im nächsten Moment war er verschwunden. Ihm folgend, tauchten neben mir einige Schatten auf. Sie wurden lang und länger. Andere verschwanden mit diesem oder jenem meiner Schritte und als ich mich schließlich wieder selbst im Dunkel fand, fand ich dort auch meinen Nachbarn wieder. Jene schwarze Silhouette mit dem Koffer, die am Weg wartete und nun stumm ins Dunkel deutete.

Fast auf ganzer Länge hatten wir die westliche Stadtmauer schließlich abgeschritten. Da zog mich mein Nachbar plötzlich nach rechts und schob mich vor sich unter einer Schranke durch. Wir befanden uns jetzt auf der entgegengesetzten Seite der Mauer, bewegten uns über einen Hof. Ich konnte meine Schritte hören. Sie wurden zwischen den Mauern hin- und hergeworfen. Mein Nachbar bewegte sich lautlos.

Der Gemalte Turm verdankt seinen Namen einer auffälligen Farbdekoration seiner Außenmauern, die noch aus dem fünfzehnten Jahrhundert stammen soll. Frisch und hell leuchteten mir die restaurierten Wappen und Muster entgegen. Die oberen zwei Drittel des Turmes glühten unter hellen Scheinwerfern in die Ferne. Der Fuß des Bauwerks blieb jedoch finster. Wir näherten uns. Auf den letzten Metern sah man die Hand vor Augen nicht.

Ich erkannte die Umrisse einer überdachten Treppe und als wir die ersten Stufen nahmen, zog mein Nachbar zunächst seine Taschenlampe und dann den Schlüssel hervor.
Ich hielt ihm die Lampe, während er das Vorhängeschloß aufspringen ließ und den Riegel zurücklegte. Die Batterien waren schwach. Der Kegel flackerte und nachdem mein Nachbar die Tür geöffnet hatte, verlor sich die Leuchtkraft im Raum, ohne eine Wand zu erreichen. Ich trat durch die Tür, fühlte Spinnweben durch mein Gesicht streichen. Staub lag in der Luft, vor Feuchtigkeit schwer und klebrig. Ein paar Schritte vor mir knarrte Holz.

Mein Nachbar nahm die ersten Stufen. Ich folgte ihm. Zwischen uns nur das schmale Licht der Taschenlampe, welches deutlich schwächer wurde. Es schien sich geradezu aufzulösen. Ich streute Licht in die Dunkelheit wie Salz ins Wasser. Nach nur wenigen Stufen erlosch es endgültig. Jetzt folgte ich nur noch dem Geländer und den Schritten meines Nachbarn. Ich horchte und hielt mich. Wollte weder seine Schritte noch das Geländer verlieren.

Ich dachte an festen Boden und verlor zunächst das Gefühl für die Stufen unter meinen Füßen. Eben noch konnte ich kleine Steine unterhalb meiner Sohlen erahnen. Unebenheiten, die sich verschieben ließen. Ich dachte an herabrieselnden Putz und versuchte, die Steine zwischen den Stufen in die Tiefe zu stoßen. Doch ich hörte kein Rieseln. Keinen Stein am Boden aufschlagen. Ich dachte an den Grundriß des Turmes. Von außen eindeutig rechteckig. Nun jedoch, war ich mir nicht mehr sicher, ob wir nicht doch im Kreis gingen, uns an einer Treppenspirale aufwärts schraubten. Ich dachte an einen Brunnen ohne Boden und tröstete mich damit, daß es aufwärts ging. Ich bildete mir ein, irgendwo hätte es klick gemacht. Wie sollte ich jetzt schreiben? Fenster suchen, dachte ich. Fenster vermißte ich sehr. Von außen hatte ich doch zumindest ein paar kleine Fenster bemerkt. Nun mußte da draußen die gleiche Finsternis herrschen, wie im Inneren des Turmes. Sonst gab es nur eine Alternative. Sollten die Fenster verschwunden sein?

Meine Gedanken endeten abrupt mit einem Schritt ins Leere. Gleichzeitig war das Geländer unter meiner Hand zu Ende. Wie abgesägt. Einen blinden Augenblick lang stand ich im Nichts, vor der Entscheidung ob, und wenn, wohin ich fallen sollte. Die Schwerkraft kam mir wie ein Drahtseil vor, von dem ich stürzte. Meine Hände schnellten vor, entfernten sich weit von meinem restlichen Körper und bekamen schließlich die Schultern meines Nachbarn zu fassen. In selber Sekunde, fanden auch meine Füße wieder festen Grund. Ich hatte das Gefühl, angekommen zu sein.

Es gab keine weiteren Stufen mehr. Wir waren auf einer Ebene angelangt, deren Eigenschaften zunächst jedoch völlig im Dunkel blieben. Ich hörte Schritte, die mir zielgerichtet vorkamen. In einer Ecke knarrte und splitterte Holz. Dann dämmerte es.

Mein Nachbar öffnete ein Fenster, ein zweites und ein drittes. Mannshohe Öffnungen lagen in der Finsternis verborgen. Mein Nachbar hob Holzverschläge aus ihren Angeln und legte nach und nach in jeder Himmelsrichtung vier breite Fenster frei. Sechzehn Lichtkegel aus seltsam verwaschenen Farben drangen in den ansonsten völlig leeren Raum. Im Nähertreten bauten sich unter mir Giebel, Dächer und noch mehr Türme auf. Wie Moos und Pilze auf einem riesigen Stein warf sich die Stadt auf. Alles lag in Mulden und Erhöhungen beieinander, war verschmolzen und doch gegeneinander versetzt.
Mein Nachbar öffnete seinen Koffer. Ein Gegenstand, der zunächst nicht größer war, als seine Faust, verwandelte sich im Handumdrehen in ein vierbeiniges Stativ. Die Leica pflanzte er zuoberst auf diese Konstruktion. Mir kamen Christbaumspitzen in den Sinn. Der Apparat rastete mit einem klick ein. Irgendwann hatte mein Nachbar einen Fernauslöser in der Hand.

Vom Kopf des Stativs her surrte es scheinbar eine halbe Ewigkeit lang. Bis auf unsichtbare Mechanik und den Film im Gehäuse, schien sich nichts auf der Welt mehr zu bewegen.

Eine Belichtungszeit verstrich mit einem klick und sofort ging mein Nachbar daran, das Stativ vor einem anderen Fenster zu platzieren. Mit gleichmäßiger Ruhe tauschte er Blenden und kurz darauf folgte wieder eine Phase, in der die Leica mit dem Bild vor ihrer Linse allein war.
Einige Abläufe geschehen einfach, ohne mich weiter anzurühren. Jener Tanz jedoch, den mein Nachbar hier mit seiner Kamera vollführte, sog meine Aufmerksamkeit gänzlich auf. Trotz einer gewissen Zeitlupenhaftigkeit, die dieser Choreographie innewohnte, erkannte ich in ihr faszinierenden Rhythmus und Verläßlichkeit. Ich folgte allen Schritten. Die Kamera war der Herr, der die Dame führte. Und die Bilder dieses Tanzes froren immer wieder ein, bis es von klick zu klick durch die Pflicht zur Kür ging. Ich ging der Leica hinterher, folgte ihr und ihren Eindrücken. Beugte mich zu ihr hinab, auf gleiche Augenhöhe, und wir blickten zusammen aus den Fenstern.

Von dort draußen, fiel die Stadt zu uns hinauf. Sie strich sich Schatten auf die Dächer und staute diesig blaues Licht zwischen ihren Fassaden. Ihr Atem war feinster Nebel, der an seiner Unterseite gelblich schimmerte, an hohen Giebeln hängen blieb und sich um Mehlsack und Grünen Turm aufdrehte, wie vergiftete Zuckerwatte um einen Stiel.

Augenblicksarchitektur entwarf und baute sich selbst, fiel in sich zusammen, um im Sturz schon wieder neu und anders zu erstehen. Es waren allesamt stille Zusammenbrüche. Kein Grollen von Geröll. Kein Schuttklirren. Wir bekamen keinen Schutt zu sehen. Die Mauern und Lichter waren flexibel wie Gelatine. Man hätte das Rathaus mit dem Daumen eindrücken und zuschauen können, wie es zu seiner ursprünglichen Form zurückgekehrt. Gummibälle aus Beton. Wir hefteten unsere Linsen an die unzähligen Türme der Stadt. Ich dachte an Tierchen, die man aus langen Luftballons knotet und mein Nachbar sah zu mir herüber. Die Leica zwischen uns. Der Gemalte Turm um uns. Mein Nachbar war Mechanik. Ich war Mechanik. Wir waren ein Stativ emporgestiegen, in den Kopf eines Lichtfängers. Wir zogen sichtbare Dinge aus latentem Untergrund, belichteten die empfindliche Schicht unserer Gedanken.

Die Stadt tauchte am Fenster auf. Mein Nachbar tauchte am Fenster auf. Die Leica tauchte am Fenster auf. Ich selbst tauchte am Fenster auf. Wir plauderten eine Weile mit den Lichtern der Dunkelheit. Wir erzählten einander, was wir dachten.
Mit einem klick glimmte eine große, tiefrote Glühlampe auf. Ich hatte noch Schatten vom Heimweg im Kopf, die wehten wie samtschwarze Fahnen im Wind. Ich hatte Bilder im Kopf, von meinem Nachbarn, der andächtig sechzehn Fenster verschloß, wie einen Reliquienschrein. Sein Gesicht lag in roten, ruhigen Zügen und er goß verschiedene Flüssigkeiten aus, die im Halbdunkel in für sie bestimmte Wannen plätscherten. Wasser lief und er schüttelte eine Dose mit beiden Händen. Schließlich zerschnitt er einen langen Filmstreifen. Immer wieder rasselte eine Eieruhr. Er nahm einen leeren Bogen Papier. Für mich unterschied es sich nicht von dem Papier, auf das ich schreibe. Der Raum hellte sich für Sekundenbruchteile auf. Das Papier fiel in eine Wanne, wellte sich jedoch nicht. Mein Nachbar bewegte einen Bogen nach dem anderen. Eine Zange zog das Papier durch die Flüssigkeiten. Langsam setzten sich darauf Konturen ab. Verlangsamte Vorahnungen und erste Eindrücke. Es roch plötzlich säuerlich seltsam nach Vergangenheit. Als ob die Zeit ihre Gegenwart auf den Kompost wirft. Diese Nacht schien zu verrotten.

Wir standen in seinem Bad. Zwischen Zahncreme und Fixiererlösung. Bilder hingen auf einem Wäscheständer. Dicht an dicht und tropfend. Dann machte mein Nachbar Licht. Draußen dämmerte es bereits. Die Nacht hatte im Schlaf die Wolkendecke über ihrem Kopf in Fetzen gerissen. Der Koffer stand am Fenster. Mein Füller war in der Tasche ausgelaufen. Man kann nicht mehr sagen, als man sieht. Wer berichtet, ist nicht selten unfähig, einzugreifen. Ich schlief ein.
Mein Nachbar tauchte über meinem Kopf auf, als ich wieder erwachte. Sein Gesicht kopfüber. Ein Berg von Bildern lag vor mir. Phantasie hilft, die Realität glaubwürdiger zu machen. Wir blätterten uns durch den noch klammen Stapel und plauderten eine Weile. Wir redeten von Schwarz und Weiß. Wir redeten vom Wiedererkennen und der Fremde.

Wir sagten einander, was wir dachten. Alles kann von allem getrennt werden.
Hier ist die Oberfläche.

Aus dem Buch ATOMTEXTGELAENDE
Ravensburger Literaturpreis 2002


(c) www.michael-helming.de 2002

 
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