michaelhelming

die vorläufig letzte Fassung der Gegenwart


Die Chischew AG (2006) PDF Drucken E-Mail

Mein größter Fehler ist, dass ich nicht ertragen kann, dass es kommt wie es kommt. „Zu unserem Bedauern müssen wir Ihnen leider mitteilen, dass im Rahmen der anstehenden Personalentscheidungen“ undsoweiter, undsoweiter. Dabei war ich mir meiner Sache so sicher. Ich hatte mich auf dieses Vorstellungsgespräch vorbereitet wie ein Besessener. Ich war motiviert. Ich wollte diesen Job.

Schon die Einstimmung war wie eine Zeremonie. Ich ging am Vorabend des großen Tages besonders früh ins Bett. Ich wollte fit und ausgeschlafen sein. Einen neuen Anzug hatte ich auch, war zwei Tage zuvor beim Friseur gewesen und als ich dann endlich ins Büro des Personalchefs vorgelassen wurde, hatte ich ein ausgesprochen gutes Gefühl.
In einem Vorstellungsgespräch ist es besonders wichtig, sich nicht provozieren zu lassen. Jeder Personalchef wird versuchen, dich an deine Grenzen zu bringen. Hätte er kein Talent dazu, würde er nicht in diesem gepolsterten Ledersessel mit den blankpolierten Messingarmlehnen sitzen. Natürlich habe ich mir nicht anmerken lassen, wie ungemein verhöhnt ich mir bei seinen ersten Fragen vorkam. Das gehört zum Spiel. Sie machen sich über dich lustig, unterfordern dich absichtlich, damit du unvorsichtig wirst und dich irgendwann einen Schritt zu weit aus der Deckung wagst. Wieviel sind Zwei und Zwei? Zweiundzwanzig weniger Sechs? Sechs mal Acht? Sechsundfünfzig durch Sieben? Hier gilt es, nur nicht zu überlegen, warum bestimmte Fragen gestellt werden, sondern nur, diese schnell und korrekt zu beantworten. Dann kommt nach einer Weile die erste wirkliche Fangfrage: Ob ich eine ungefähre Vorstellung davon hätte, wie wichtig die Beherrschung der vier Grundrechenarten für diesen Posten ist? Jetzt schnell, höflich und mit etwas Witz antworten. Er soll es für Charme halten.
Nach dieser Einstimmung wird – wie in jedem Vorstellungsgespräch – der Pfad unmenschlicher Demütigung für kurze Zeit verlassen. Menscheln nennen sie das. Eine Prozedur, die ebenfalls nur dazu dient, dich in Sicherheit zu wiegen. Mitunter können solche Fragen gegen Ende sehr privat, intim und indiskret werden. Ich hatte Glück. Ich soll ein wenig von mir erzählen, von meiner letzten Anstellung? Kein Problem. Ich war knapp drei Jahre für eine Firma als Programmierer tätig. Das sei sehr interessant, wird dein Gegenüber an diesem Punkt des Gesprächs immer behaupten, obwohl ihn deine vorherige Anstellung selbstredend nur sekundär interessiert. Er hat sich längst bei deinem früheren Arbeitgeber über dich erkundigt. Jedes Vorstellungsgespräch – muss man wissen – folgt streng kausal einem Drehbuch, dessen Schmierigkeit ungefähr mit dem einer Telenovela vergleichbar ist. Ob ich ein wenig mehr ins Detail gehen kann, ohne Betriebsgeheimnisse auszuplaudern? Selbstverständlich. Wenn dies gewünscht wird. Mein ehemaliger Arbeitgeber betreibt im Internet ein Portal, auf dem sich registrierte User nach Belieben ein neues Weltbild herunterladen können. Natürlich nur zu privaten Zwecken, versteht sich. Man will ja keinem religiösen oder politischen Fanatiker den Weg bereiten. Planmäßig werde ich gefragt, warum ich gekündigt habe. Noch dazu, ohne mir vorher eine neue Anstellung zu suchen. Heutzutage schließlich ein ökonomisches Risiko. Ich könnte ihm einfach sagen, ich hätte mir nichts zu Schulden kommen lassen. Aber so plump sollte man hier nicht antworten.
Ein durchschnittlicher Personalchef lässt sich mit einem trägen Bordellbesucher vergleichen. Er will einen geblasen kriegen, ohne sich selbst die Hose aufmachen zu müssen. Am Besten fährt man solchen Typen jetzt mit einem im Vorfeld gut geplanten Exkurs über eigene Stärken und Schwächen in die Parade. Das geht ganz einfach und eine Portion kritische Selbstreflexion zaubert ihnen meist einen Fleck in die Hose. Wichtig ist dabei, dass es überzeugend rüberkommt. Das hat viel mit Mimik zu tun. Warum habe ich meine alte Stellung eigentlich gekündigt? Vielleicht war es nur ein blinder Hunger nach neuen Aufgaben. Ich bin ein spontaner Mensch. Kurz abwarten, ob er’s gefressen hat oder ob er noch einen kleinen Nachschlag will. Aber die meisten Personalchefs lieben so einen gewissen Hauch von menschlicher Authentizität. Diese gewitzte Ehrlichkeit. Das ist ihnen Lieber als ein Jasager, der im Geiste die Innere Kündigung schon vor der Einstellung abgegeben hat und nur darauf aus ist, entspannt den Rubel aufs Gehaltskonto rollen zu lassen. Solche Bewerber versuchen sie herauszufiltern und sie leben in ständiger Furcht, auch nur einer von denen könnte ihnen durch die Lappen gehen. Bemerkenswert, dass es überhaupt noch Mittel und Wege gibt, der neoliberalen Brut wenigstens einen letzten Rest von Respekt abzutrotzen. Ich fühle mich blendend. Wie ein siegesgewisser Quizshowkandidat warte ich auf die Masterfrage.
Warum ich mich ausgerechnet für diese Stelle interessiere? Endlich. Da ist sie. Nun kommt also die große Aufgabe, die besondere Herausforderung. In so einer Situation darf man gern und ungestraft mal übers Ziel hinausschleimen, solange man bei allzu blumigen Lobeshymnen ein ausreichend treudummes Gesicht macht und im Ernst – für mich kommt das Profil dieses Unternehmens einer mentalen Kernfusion gleich: Alle religiösen und philosophischen Ideen der Menschheit (ja, vielleicht sogar sämtliche Worte, die jemals gedacht oder ausgesprochen worden sind) verschmelzen im Konzept dieser Firma miteinander, bis sie schließlich in gigantischer Explosion einen riesigen Krater aus dem Universum reißen. Ein moralisches Schwarzes Loch entsteht. In der Tat stellt diese Firma den Urknall und die Ewigkeit dar. Schon allein die Möglichkeit, aus nüchternen, nackten Zahlen komplexe Gottheiten zu erschaffen, hat mich begeistert und vollkommen für dieses Unternehmen eingenommen. Der Personalchef lässt mich noch ein paar einfache Rechenaufgaben im Kopf lösen. Ich löse ohne Zögern und selbstredend fehlerfrei. Ich habe mich sehr gut über meinen zukünftigen Arbeitgeber informiert. Auch über die Verdienstmöglichkeiten. Die Leute zahlen gut für ihren eigenen Gott. Dementsprechend blendend ist das Unternehmen an der Börse notiert. Hier werde ich schon mein Auskommen haben. Ich muss nur flexibel bleiben. Das ist eine Sache, die im Kopf stattfindet. Man muss sich da ganz von seiner Kreativität treiben lassen. Und was der Kunde will wird eben gemacht. Es ist ein Gedankenspiel. Nicht umsonst behaupten einige Programmierer, dass die Prozesse, die beim Rechnen und Denken im Gehirn ablaufen, so identisch sind, dass für die Benennung beider Tätigkeiten eigentlich nur ein Wort notwendig wäre. Das ist alles eine Frage der Sachlichkeit, der Ordnung, eine Frage nach Hierarchien. Im Prinzip kann es auch völlig egal sein, was die Kunden wollen. Man muss nur dafür sorgen, dass sie der Meinung sind, es bekommen zu haben. Was wollen unsere Kunden? Nun, die einen wollen einfach nur einen Herrn oder Gott. Das ist - rein mathematisch betrachtet - ein simples Prozedere. So was lässt sich zeitnah in großen Stückzahlen machen. Das sind die Götter für Jedermann. Spirituelle Einmalartikel. Mystik zum Wegwerfen. Die ersten Hürden tauchen auf, wenn es denn gleich ein Schöpfer sein soll. So einer muss per Definition selbst etwas erschaffen können. Aber alles ist machbar. Nur der Schwierigkeitsgrad der erforderlichen Gleichungen steigt proportional zur Komplexität der gewünschten Gottheit. Aber der Kunde ist und bleibt König. Wir arbeiten solange, bis er zufrieden ist. Er kann einen Former bekommen, einen Töpfer. Richter und Könige bietet man gelegentlich in einem Rundum-sorglos-Paket an. Das wird gerne genommen. Ist natürlich billiger. Da macht die Masse den Profit. Und dann gibt es da natürlich noch die Kunden mit individuellen Wünschen. Da muss es schon eine multifunktionale Heiligkeit sein; zugleich noch Atem oder Allmächtiger. Exzentriker und Betriebswirte entscheiden sich oft für eine Art Er-der-sagt-Genug.

Für andere wiederum ist die Funktionalität weniger wichtig. Die wollen im Grunde das Standardpaket, nur mit einem flippigen Namen. Damit die Nachbarn was zu Reden haben. Man muss halt mit dem Kunden umgehen können – und ich sah es wahrhaftig schon vor mir, glaubte, in dieser Firma würde ich mich wohlfühlen können. Schon die Räumlichkeiten waren genau nach meinem Geschmack: angenehm kühl und edel. Großzügig und doch reduziert. Es muss nicht immer gleich ein Tempel sein, ein Altar oder ein kostbar verzierter Schrein. Warum mit Akazienholz, gegerbtem Widderfell, goldenen Spangen, Edelsteindekor und einer gezwirnten Leinwand aus königlichem Purpur glänzen, wenn man mit Raufasertapeten, glatten Kunststoffoberflächen und ein paar Halogendeckenstrahlern den gleichen Effekt erreichen kann? Ich hatte den Vertrag im Geiste schon unterschrieben. Ich hatte Sehnsucht nach diesem Job und Sehnsucht fühlt der Mensch ja bekanntlich für Dinge, die er Tief in seinem Inneren schon längst besitzt.
Doch es kommt eben wie es kommt. Und statt dem ersehnten Anruf kam per Post diese schriftliche Standardabsage. Der Rechner hat lediglich noch meinen Namen eingesetzt. „Die Entscheidung ist uns nicht leicht gefallen.“ und „Wir wünschen ihnen für ihre weitere Suche viel Erfolg.“ Das sind Sätze, die kommen von ganz weit draußen und sie gehen ganz tief hinein. Das ist, wie wenn man mit einem echten Gott reden möchte, seine Privatnummer wählt und eine mechanische Frauenstimme hört, die bedauert, dass die Netzverbindung momentan gestört ist. Man steckt im Funkloch zwischen rationaler und mystischer Welt und wartet auf eine Verbindung zum Unbeschreiblichen. Ich frage mich, was für eine seltsame Beziehung das wohl sein muss, die da zwischen Göttern und Menschen herrscht. Eine Beziehung, die sich in scheinbar endlosen Warteschleifen verliert. Die letzten Worte des Personalchefs, denke ich, waren: Rufen Sie uns nicht an. Wir rufen sie an.

© www.michael-helming.de 2006
 
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