michaelhelming

die vorläufig letzte Fassung der Gegenwart


Die Flucht (2006) PDF Drucken E-Mail

Mûsa Tâlib, in der Wüste geboren und aufgewachsen, hatte sein Leben lang nichts als Sand und Salz gesehen, denn er lebte davon, dass er Salz aus dem kargen Boden holte und es an durchreisende Händler verkaufte, die es in die Hauptstadt brachten, wo es gewaschen, zermahlen und auf dem großen Bazar verkauft wurde.

Eines Tages erzählte ihm der Karawanenführer ´Abd es-Samad, im Volk der räuberischen Qirriq sei wieder das Zeitalter Resch angebrochen. Nach deren Kalender kehren bestimmte Epochen alle drei bis vier Jahre wieder und das Resch ist die Zeit des Krieges, wo jeder Mann sich und sein Kamel rüstet. Als große, unbezwingbare Armee durchqueren sie dann die Wüste, töten dabei jeden, der ihnen begegnet.

Da bekam es Mûsa mit der Angst und ´Abd es-Samad erzählte weiter, Rettung könne nur finden, wer die Wüste gen Osten durchquerte, bis er an den Fluß Mgoo kam. Hier müsste er übersetzen. Da Mûsa Tâlib Wasser nur aus Schläuchen kannte, fragte er, was es mit dem Übersetzen auf sich habe und ´Abd es-Samad erklärte, man müsse den Fluss in einem Boot überqueren indem man selbst ruderte. Es lägen wohl genügend brauchbare Schiffe am Ufer des Mgoo, jedoch gab es dort selbst keinen einzigen Fährmann mehr. Wer konnte, hatte sich nämlich auf die sichere Seite des Flusses gerettet. Wer geblieben war, sei es um des Besitzes oder um der Heimat Willen, der war von den immer wieder einfallenden Qirriq enthauptet worden. Gilt dieser Stamm zu Zeiten des Resch doch als sowohl kriegerisch wie auch nomadisch. Die Reiter ziehen in Windeseile umher und die Sonne scheint ihnen von rechts und links, sie brennt erbarmungslos auf ihren Rücken und in ihre Gesichter. Letztere vermummen sie zum Schutz gegen den feinen Sand mit dem traditionellen Barahmet, einem Tuch aus Kamelhaar. So schnell wie sie kommen, sind sie meist auch wieder verschwunden, weshalb man sie in einigen Gegenden den Regen des Todesnennt.

Früher oder später kämen sie auch hier her, sagte ´Abd es-Samad. Es gelte, keine Zeit zu verlieren, wenn man sich retten wolle. Nun konnte Mûsa Tâlib aus Furcht kaum noch einen klaren Gedanken fassen. Weder hatte er je ein Boot gesehen, noch beherrschte er die Kunst des Ruderns. Wie sollte er sich helfen? Hier wusste ´Abd es-Samad Rat, denn er war nicht nur gescheit, sondern auch ein Kaufmann, der wirklich alles feilbot, was ein Menschenherz nur begehren konnte. So trug doch eines seiner Lasttiere tatsächlich ein kleines Boot mit zwei Rudern auf dem Rücken. ´Abd es-Samad ließ das Fahrzeug abladen und erklärte, wie es funktionierte, wobei er Mûsa die Ruder in die Hand gab und ihm riet, sich das Wasser eines Flusses gerade wie den Wüstensand vorzustellen, nur, als ob man dort hindurchschauen könne. Und ´Abd es-Samad zeigte Mûsa, auf welche Art er die Ruder eintauchen musste, um Wasser zu verdrängen und somit vorwärts zu kommen.

Noch in der selben Nacht war Mûsa Tâlib auf der Flucht und obwohl er vielleicht nach einer halben Woche am Horizont hinter sich die drohende Staubwolke der kriegerischen Reiter auftauchen sah, gelang es ihm doch, rechtzeitig das Ufer des Mgoo zu erreichen und hier ein geeignetes Boot zu finden, dessen Ruder bereits wie zum Aufbruch im Wasser lagen, als wollten sie zur Eile drängen.

Erst zwei volle Tage später erreichten die Qirriq den Mgoo und bald fanden sie eben dort Mûsa Tâlib bekümmert in einem der Boote sitzen. Ihr Anführer, der Emir Ben el-Kailadschân, trat ein wenig erstaunt hinzu und er fragte Mûsa, warum er denn nicht sein Leben durch das Übersetzen gerettet hätte. Mûsa antwortete, er habe schon den Willen gehabt, nur sei kein einziges Boot brauchbar gewesen. Er habe sich alle angesehen. Überall hätten die Ruder bereits, wie zur Abreise bereit, aus den Dollen ins Wasser hinabgelegen. Mûsa hatte jedoch beim Blick aufs Wasser gesehen, dass die Ruder dicht unter der Oberfläche allesamt zerbrochen waren.

Mûsa Tâlib spürte kaum den Hieb des scharfen Schwertes, den ihm Emir Ben el-Kailadschân so kunstvoll beibrachte. Mûsas Kopf flog ein wenig durch die Luft, schlug dann auf die Planken, drehte sich dort ein paar mal um sich selbst und lag dann irgendwann still, so, dass Mûsa mit weit geöffneten Augen ein letztes Mal auf den Fluss sehen konnte. Er sah ein Ruder neben sich ins Wasser laufen und deutlich sah er durch das sandgleiche Nass die Bruchstelle. Das Holz war geknickt und beide Teile hingen aneinander. Dann nahm ein Diener Ben el-Kailadschâns dieses Ruder aus dem Wasser und Mûsa Tâlib sah für sich und den letzten Teil des Weges, dass es ganz war.

© www.michael-helming.de 2006
 
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