michaelhelming

die vorläufig letzte Fassung der Gegenwart


Bohrlöcher (2000) PDF Drucken E-Mail
Haben sie ihr Bonusheft dabei? Leider nein, schüchterte ich über die Theke und hätte beinahe in garstiger Geistesabwesenheit ein Bier bestellt, da mich das durchgestylte Praxisinventar tatsächlich an eine Szenekneipe oder ein Bistro erinnerte. Zu dem hatte ich noch kurz zuvor meine Arztangst an einer Kneipentheke behandelt. Wie ich jetzt hier hing und meine Krankenkassenkarte einlesen ließ, so schlaffte ich auch in der Nachbarschaft der Zapfhähne. Armgestützt. Kaum Fähig mich aufrecht zu halten. Notdiensttermine sind unangenehm.
Die zahnhalsschlanke und fleischblutjunge Zahnarzthelferin legte meine Behandlungsakte an und sagte freundlich: Kein Problem. Das können sie beim nächsten mal nachtragen lassen. Das nächste mal? Ich murmelte Mmmmmh; bemüht, weder Zustimmung noch Verneinung auszudrücken. Ich hatte mein Bonusheft natürlich dabei. Doch der letzte Eintrag lag fast zehn Jahre zurück, da mir die Kauleiste schon abartig weh tun muß, bis ich einen Dentisten aufsuche. Wer je einer Zahnarzthelferin ein Bonusheft ausgehändigt hat, aus dem unregelmäßige Praxisbesuche hervorgehen, weis warum ich meines in der Hosentasche behielt. Vorwurfsvolle Blicke reizen Nerven manchmal mehr, als der stärkste Bohrer. Ich taperte ins Wartezimmer. Mein Eßzimmer pochte abartig und als ich endlich in den Behandlungsraum geführt wurde, der Stuhl zurück kippte und man mir ein weißes Plastiklätzchen umlegte, fühlte ich dieses Pochen so stark, daß ich auch einen Kardiologen hätte gebrauchen können.
Fast so schlimm wie der Zahnarzt selbst, ist das Warten auf ihn. Diese Minuten, allein im Behandlungsstuhl. Trotz schallisolierter Wände dringen Fräsgeräusche aus dem benachbarten Behandlungsraum. Dann geht die Tür auf und der Dentalklemptner kommt hinein, wäscht sich die Hände, gibt die Hand und knipst das Riesenflutlicht an. Das Spiel beginnt. Mir kommt es wie neunzig Minuten plus Verlängerung vor. Ohne Halbzeitpausen.
Fast alle Zahnärzte sind Brillenträger und obwohl sie selbstverständlich entspiegelte Gläser haben, kann man doch immer in Zahnarztbrillen seine eigene Mundhöhleninnenarchitektur bestaunen. Ekelige Einrichtung. Weißgelbgraues Mobiliar und rosa Tapeten. Doppelt schlimm, wenn die Arzthelferin, die den riesigen Absaugschlauch wie einen Bodenstaubsäuger an die Wange hält, ebenfalls Kurz- oder Weitsichtig ist. Ich bin Vorsichtig, öffne den Mund nur ein Stück und dann kommt er mit dem Haken und fährt die Zahnreihen ab. Er zählt Füllungen und ich warte auf Fachfloskeln wie: Vierer oben links kariös, doch der Haken blieb nirgends hängen, schabte zwar ekelhaft kratzig über den Schmelz, doch nirgends drang er elektrisierend schmerzhaft ein. Meine Nerven lagen blank wie Zahnhälse bei Parodontosepatienten. Er schabte und ich verspannte mich mehr und mehr. Er redete mit der Zahnarzthelferin, schwäbelte, sprach so mahlend, speichelnd, mengend. Fei Schoo. Woisch. Ich denke mir, das der schwäbische Tick vom Häuslebaue eng mit der Sprache verwurzelt ist. Wenn Schwaben sprechen, zermahlen sie in ihren Mundhöhlen Kies und Mörtel, vermengen das Gemisch mit Speichel, speien aus und bauen aus diesem Auswurf ihre Häuser. Häuser, die nicht immer Qualitätsarbeit sind. Zur Erklärung muß ich meinen Mund ein wenig öfter öffnen und schließen: Es ist nämlich so, daß eine gute Freundin mir, als sie von meinen Schmerzen erfuhr, eben jenen Zahnarzt empfahl, der da nun über meinen Schmelz schabte. Und sie empfahl ihn nicht etwa, weil sie von seinen fachlichen Fähigkeiten überzeugt war, sondern weil sie in einem seiner Häuser zur Miete wohnte. Hätte ich ihre Wohnung zu dieser Zeit schon von innen gesehen, wäre ich zu einem anderen Zahnarzt gegangen, doch die Gelegenheit ergab sich erst später. Eine Wohnung ohne Biß. Klein. Verbaut. Die Badezimmertür stieß beim öffnen immer gegen das Waschbecken. Eine Hundehütte, die er sich glänzend bezahlen ließ. Meine Freundin hatte dafür Verständnis, da der arme reiche Mann doch so vom Schicksal geschlagen war, wie sie immer wieder irgendwo aufschnappte. Tochter hatte seine umfangreiche Jazzplattensammlung verkauft um sich fett Heroin rauszulassen und als es an den Entzug ging räumte sie Vatis Medizinschrank aus und ließ Rezeptblöcke mitgehen. Verdiente sich nachts beim Gärtner des Hauses ein paar Mark dazu. Ferner kassierte sie aus Muttis Haushaltskasse Schweigegeld, daß sie über gewisse Herrenbesuche und Einkaufsfahrten die Klappe hielt. Mutter und Tochter waren jedoch nicht verfeindet, eher Kameradinnen im Geiste Konstantin Weckers. Das kostet natürlich, was hohe Mieten rechtfertigt und wirklich unangenehm an der Wohnung meiner guten Freundin war lediglich der permanente Pilzbefall in allen Ecken. Das Wasser lief in Strömen von Decke und Wänden.
Sie können jetzt den Mund ausspülen, sagte der Zahnarzt und legte den Haken weg. Wie von Geisterhand lief Wasser in ein Glas. Der Zustand ihrer Zähne ist nicht der Beste. Sie sollten regelmäßiger Pflegen. Antibakteriel spülen und vor allem regelmäßig zur Individualprofilaxe kommen. Ich spuckte warmes Wasser und sah im Geiste einen großen Bohrer sich in ein blankes Zahnbein fressen, wie in eine Betonwand, es schließlich durchschlagen und in der weichen Pulpa zwischen Blut- und Nervenfasern steckenbleiben. Warum haben Zähne kein Gewinde, daß man sie einfach nur aus der Mundhöhle schraubt, wenn sie schadhaft sind? Er stopfte Watterollen in meinen Mund und sagte: Ich entferne noch ein wenig Zahnstein. Einfach ausschrauben, dachte ich. Und neue Zähne müßten auf Bäumen oder an Sträuchern wachsen. Man geht einfach raus in die Natur und pflückt sich ein neues Gebiß. Ich sah durch das Spiegelbild der Brille im Zahnarztaugenpaar, daß der Mann konzentriert bei der Sache war. Ihre Schmerzen kommen von den Weisheitszähnen. Die versuchen durchzubrechen, haben aber keinen Platz. Die sollten sie von einem Kieferchirurgen entfernen lassen. Nicht gleich. Aber irgendwann, bevor sich die Zähne verschieben. Ich machte Mmmmmh und er antwortete. Da müssen sie leider der Realität ins Auge sehen. Ich hörte die Gegensprechanlage: Ihre Frau ist am Telefon. Sagen sie, ich rufe zurück. Er nahm die Augen nicht von meiner Mundhöhle, die unter dem brummenden Steinschleifer vibrierte. Ihre Backenzähne sind für ihr Alter recht abgenutzt. Da sollten wir bei Gelegenheit mal eine Überkronung machen. Mein Körper verfällt, dachte ich. Sollte ich mir Kronen einsetzen lassen? Ich dachte an die alten Sisi-Filme, die meine Mutter immer so gern anguckt und daran, wie mein Mund wohl gekrönt aus aussieht. Ich wiill gaarr kaine Kaisseriin sssain! Meine Zunge drückte gegen die Watte, während die Augen hinter der Brille sich in Bildern meiner imaginären Krönung spiegelten. Da kommen sie mal vorbei und ich gebe ihnen einen Kostenvoranschlag für ihre Kasse. Wir können Oben und Unten in einer Sitzung machen. Währe das nicht schön? Ich sagte: Nöön!
Wenn sie nochmal spülen wollen? Er schraubte den Schleifkopf ab und wieder lief Wasser. Langsam bewegte sich der Stuhl in die Senkrechte zurück und er reichte mir zum Abschied die Hand und ein Rezept. Paracetamol, las ich nicht ohne Freude. Ich ging in die Apotheke und dann nach Hause, warf gleich die ersten zwei Tabletten ein und hörte Ramones. I wanna be sedated. Beim Zahnarzt war ich seit dem nicht mehr. Aus dem Buch AUTO(R)AGGRESSION

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