michaelhelming

die vorläufig letzte Fassung der Gegenwart


Bernsteinzimmer (2001) PDF Drucken E-Mail

Sie nennt mich Bertram und sie sagt, mein Name bedeutet so viel wie Leuchtender Rabe. Alle nennen mich Bertram. Einige kurz Bert. Doch Amber ist wohl die einzige, die hinter meinem Namen eine Bedeutung sieht, die es ans Licht zu locken gilt. Ich selbst halte mich für unscheinbar. Ich bin sicher keine Dunkelzelle, doch wenn ich schon mit einem gewissen Schein in Verbindung gebracht werde, ist es mein Empfinden, daß ich weder Widerspiegel oder Bündel, noch Quelle dieser Strahlung bin. Ich hocke meist in einer Ecke, schweigend, und meines Wissens nach habe ich keinen Einfluß darauf, ob mein Platz ein trüber Winkel sei, oder das Funkeln eines Silberlöffels im Nestgeäst.

Ich sehe keine Notwendigkeit, aus Ambers kleinem Reich zu verschwinden. Ich habe es gut. Ich freue mich an Sonnenstäubchen, über Möbeln, Boden, Büchern und ihrem gesamten Besitz. Ebenso genieße ich hier die Abendröte, das Alpenglühen, alle Phasen des Mondes, Polarlicht wie Meeresleuchten. Manchmal umschwärmen mich Glühwürmchen, in einer Anzahl, die ich nicht erfassen kann. Keines könnte ich fressen. Durch Ambers Wohnung geht so oft ein Kometenschweif; lautlos, wie eine Idee, ein flüchtiger Gedanke. Dann denke ich, ich könnte mir etwas wünschen. Doch ehe ich in der Luftspiegelung die Perlschnur als Glücksboten begreife, ist alles schon wieder vorbei; abgetaucht in ein Tageslicht, daß nicht mit Gegenlicht erklärt werden kann, zu natürlich für ein Kunstlicht bleibt und derart unsagbar mich beflügelte, daß ich es nicht als Irrlicht in die Welt der Schatten ziehen lassen darf.

Wie man die Welt beschreiben soll, in der dies alles um mich herum geschieht, dämmert mir nur blaß und glimmend, obgleich kein Nebel mich behindert und kein Wölkchen über meinem Horizont sich zeigt. Im Gegenzug gibt es keine Sonne, die mich blendet. Kein Flutlicht, keine Blitzflut trägt Schuld an meiner defekten Positionslaterne. Keine alles auslöschende und entflammende Explosion. Niemals wollte ich in eine Supernova fliegen. Es ist nur einfach so, daß der Verstand eines Erdengeschöpfes, selbst bei größtmöglicher Erleuchtung, nur über die Kraft einer Notausgangbeleuchtung verfügt.

Ich will ein wenig Klarheit in Ambers kleines Reich bringen. Schon scheitere ich in den ersten Worten, die ich über meine Eindrücke verliere, kann nicht einmal die Tageszeit benennen. Soll ich es mit greifbaren Grenzen versuchen? Sinnlos, da ihr bescheidenes Domizil keine Wände kennt, und sollten sie doch existieren, so sind sie von der selben Farbe wie der Raum, den sie umgeben. Anscheinend lande ich nur im Scheinbaren, sobald ich mich an eine Ordnung aus Wellen und Räume wage. Was bleibt ist Amber. So muß ich zunächst sie aus dem Schummer schreiben:

Amber ist von zierlicher Gestalt. Tochter von Abner ist sie und sie sagt, der Name bedeutet Vater des Lichts. Ihre Situation sieht sie mit unverschleierter Zufriedenheit. Zweifellos ist Amber eine ausgeschlafene Person, noch weit von einem Abend entfernt, der sie in den Schlummer begleitet. Ihre Ziele liegen irgendwo auf einem langen Strahl, den sie Richtung Sonnenuntergang entlangfährt. Mit Kopftuch und in die Stirn geschobener Sonnenbrille. Am Steuer eines offenen Thunderbirds. Den Sozius voller Maximen, von denen sie einige hinter sich wirft und andere aus dem Fahrtwind auffängt.

Ich weiß nicht, ob ich mich schon wieder von ihr entferne, obgleich ich gerade erst begonnen habe, von ihr zu erzählen. Amber fährt einen unauffälligen Kleinwagen. Sie verfügt nicht über große finanzielle Mittel. Dementsprechend spartanisch ist ihr gesamtes, kleines Reich eingerichtet. Mag mancher anderer Meinung sein: Ein Mangel an weltlichem Besitz ist kein Mangel an Mensch. Dieser an sich matte Satz sollte in unserer Zeit eigentlich so klar sein, wie die Tatsache, daß jeder Name einen Ursprung und eine Bedeutung hat, auch wenn viel Wissen darum verloren gegangen ist. Ich habe diesen Satz noch nie auf einer Leuchtreklame gelesen.

Ich bin sicher, daß Amber ihre Mängel hat. Nur habe ich in einer halben Ewigkeit noch keinen wirklich gravierenden entdeckt. Wohl Dinge, die mich an ihrer Art mitunter stören, doch diese Dinge bleiben Sonnenflecken, bringen mich nicht dazu, klagend ihren Schatten aufzurollen. Und gerade an Amber habe ich eine Eigenschaft entdeckt, die mir zuerst störend erschien, die sich dann jedoch in ihr genaues Gegenteil umbrach.

Aus meinem Nestwinkel sah ich Amber Kerzen entzünden und ausblasen, Schalter drehen und drücken, bis ich schließlich alle Kronleuchter, Bettlämpchen, Papierlaternen und Bildwerfer als eine einzige Ankerleuchte erkannte. Amber sagt von sich selbst, sie habe das Bedürfnis, das Licht ihrer Wohnung ihren Empfindungen anzupassen. Und mit dieser Aussage sah ich sie, Lampenschirme drehen, Glühbirnen, Neonröhren und Taschenlampen betätigen, Fackeln, Holzscheite und ganze Feuersäulen entzünden. Ich sah das Wachs von Kerzen, Teelichtern und Lavalampen im Wechsel der Aggregatszustände. Sie konnte dunkle Flecken von jedem Ort verschwinden lassen und nach ihrem Willen wieder hervorzaubern. In meinen Augen hastete sie von einer Lichtquelle zur nächsten, um darum mückengleich zu Kreisen. Eine Unruhe, die mich sehr störte, geradezu aufwarf. Erst, als ich nach einer Weile des Betrachtens über den Horizont meines Halbschattens hinausblickte, erkannte ich, daß ihr Glühstrümpfe Kleidungsstücke waren, die sie sich überstreifte und ablegte. Die Fassung, an der sie schraubte, war ihre Verfassung.

Amber regulierte ohne eine Bewegung, ohne einen Ton, die Leuchtkraft ihrer Umgebung, steuerte jeden einzelnen Quanten. Nach einiger Übung flog ich durch die Wohnung, setzte mich auf eine Stuhllehne oder zuoberst auf den Küchenschrank und konnte in dem Moment, in dem sie dazu kam an der Ausleuchtung des Raumes ihren Gemütszustand erkennen. Dabei nahm ich keine Kerze und keine Leuchte mehr wahr. Die gesamte Umgebung war und ist mir eine homogene, ungeteilte Lichtquelle. Wenn Amber sich aufgeregt, beginnt alles zu flackern, als müßte alle Energie von einem Hamster in einem Laufrad produziert werden, den nun seine Kraft verläßt. Erschreckt sie sich, fällt ein kurzer Blitz durchs Zimmer, wie wenn man in absoluter Dunkelheit in einen Spiegel fotografiert. Traurigkeit erzeugt ein mattes, einander entgegen reißendes Schimmern aus allen Ecken. Ratlosigkeit läßt die Welt um Amber lumineszieren; die Aussage einer Uhr, auf deren Zifferblatt man nachts blickt und feststellt, daß sie keine Zeiger mehr hat. Zwischen Sonnenauf- und Untergang ist eine Vielzahl von Gefühlen in Ambers Leben, für die man Erglühen, Emporlodern und Erglänzen sagen kann, die man als weißglühend beschreiben kann, oder vergleichen kann mit Kugelblitzen und Wetterleuchten. Ebenso könnte man von umwölkt, fahl und schwach zum Aufklaren kommen. Man könnte vom Docht reden, von Zündhölzern, Wunderkerzen, Bengalischem Feuer und noch viel mehr. Schriebe man alle diese Gefühle auf und sammelte sie in einer Bibliothek, könnte kein Konzern genügend Energie produzieren, um diese Hallen auszuleuchten. Ganz zu schweigen davon, daß es gar nicht genügend Licht gäbe, um einem Menschen die Nächte zu erhellen, die er benötigte um diese Gefühle aufzuschreiben. Es müßte ein Mensch ewigen Lebens und ewigen Lichtes sein.

Durch viele Nächte habe ich Amber beobachtet, wenn die Luft um sie in unruhigen Träumen bläulich aufglimmte, zuweilen in schweres Grün gleitend. Wenn sie sich im Bett wälzte und über die Matratze ausbreitete. Dann habe ich ihren nackten, schlanken Körper betrachtet, ihre wohlgeformten Hüften, die schmalen Schultern und festen Brüste. Auf der Suche nach dem Grund für ihre Fähigkeit, die mir zunächst störend erschien und deren glühender Verehrer ich nun bin. Ich sah jeden Flecken ihres Körpers. Eine Antwort fand ich nicht. Ich verdampfte mein Hirn in Phantasien über die Menschen, über ihre Techniken, sich eine Technik zu schaffen, für die natürlichsten Dinge der Welt. Ich suchte nach Drähten auf Ambers Haut, durch welche Sensoren einen Dimmer unter ihrer Hülle mit dem Blutgefäßsystem verbinden sollen. In meiner Vorstellung. Ich stellte mir Kontakte in ihren Adern vor, die Hormone und andere Blutbestandteile erfassen, deren Konzentration bestimmen und an einen kleinen Prozessor weiterleiten. In meiner Vorstellung. Ich stellte mir einen komplizierten Algorithmus vor, der aus diesen Werten Rückschlüsse auf ihre seelische Verfassung zieht, und anhand der Ergebnisse das Licht um sie herum regelt. Durch ihre Haut. In meiner Vorstellung. Ich habe mir so viele machbare Dinge vorgestellt. Ich fand nichts von alledem, bei allen neuen Dingen, die ich fand und in jedem Moment in ihr finde. Ich finde mich in ihrer Nähe und ich kann mich an das eine Mal erinnern, als sie im Schlaf sprach. Sie sagte: "Du kannst nicht mit deinem Bewußtsein ein Eliasfeuer entfachen, es sei denn, du näherst die Spannung deines Bewußtseins der deines Unterbewußtseins."

Ich finde Amber und das Feuer, daß sie erzeugt jeden Tag aufs Neue. Wenn sie einen Raum betritt, springt der Funke auf mich über. Sie nennt mich Bertram und wenn sie meinen Namen sagt, denkt sie an einen leuchtenden Raben. Ich weiß, ich bin weder Widerspiegel oder Bündel, noch Quelle dieses Funkens, dieses Feuers, dieses Namens, dieser Bedeutung. Doch ich bin darin eingeschlossen, wie die Flamme in einem Windlicht, wie in Amber. Und wenn sie erwachend aus ihrem Winkel heraus die Augen öffnet, dann blinzelt der Raum geblendet. Dann zwinkern alle Grenzen und sie sagt meinen Namen.


(c) www.michael-helming.de 2001


 
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