michaelhelming

die vorläufig letzte Fassung der Gegenwart


Mangel (2002) PDF Drucken E-Mail
Mein Erlebnis mit Bob. Es ist meine Aufgabe, wiederzugeben, was Bob gesagt hat. Ich erinnere mich, Bob sagte: "Wir haben alles." Das war nur ein erster Halbsatz. Du, lieber Leser, hast eben einen Punkt gesehen, was dir die Berechtigung gibt, anzunehmen, der Satz sei damit zu Ende. Doch der Punkt müßte eigentlich ein Komma sein. Bob sagte noch mehr. Ist es nicht so, daß ein Satz manchmal vertrocknet, bevor er die Wahrheit sagen kann? Jede Aussage schwebt auf einer Zeitachse. Man sollte sich die Zeit nehmen, ihr zu folgen, auch wenn man dabei öfter bei Wahrscheinlichkeiten landet, als bei der Wahrheit. Die Aussicht, irgendwann bei der Wahrheit zu landen - ist es nicht genau dieser Reiz, der Lust macht, Aussagen zu folgen, durch einen Mangel an Wahrheit? Die Sehnsucht nach Wahrheit ist Wasser auf den Mühlen menschlichen Geistes.

Du fragst mich nach meiner Beziehung zu Bob? Was kann ich zu Bob sagen, wenn ich mich doch nur daran erinnere, was er gesagt hat; an das, was er mir zur Aufgabe gemacht hat, weiterzugeben. Es ist nicht meine Aufgabe, über seine Person mehr zu sagen, als er mich sagen lassen will. Ich kann ihn beim Namen nennen, wenn er mich läßt. Nennen wir ihn Bob und Bob sagte unter anderem: "Wir haben alles."

Ich sage hiermit folgendes: "Der Mensch besteht zu siebzig Prozent aus Wasser und Text besteht zu einhundert Prozent aus Zeichen". Es ist nicht meine Aufgabe, von Reinheit zu berichten, von Rechenbeispielen, von Erklärungssystemen. Genau genommen bin ich selbst nur ein System, benutzt, um eine Begebenheit zu erklären. Ich muß unaufhörlich weiterfließen, meine Zeichen suchen, wie ein Fluß von seiner Quelle fort dem Meer zuströmt. Ich rausche in jeder Sekunde an Menschen vorbei. Ich sage in jeder Sekunde, in der du mir begegnest, etwas anderes, denn ich habe unzählbar viele Formen. In dieser Minute, wenn du mir folgen willst, lieber Leser, bin ich nur für dich da und es ist in diesem Fall meine Aufgabe, dir zu sagen, was jemand gesagt hat, den du bitte Bob nennen möchtest. Bob sagte auf Punkt und Komma genau die nun folgenden Dinge:

"Wir haben einen Tischgrill mit höhenverstellbarem Stäbchenrost. Wir haben Markenturnschuhe. Wir haben einen Massageigelball, ein komplettes Set Stapelsessel aus Plastik, einen Bodenstaubsauger mit Rasterteleskoprohr, einen Edelstahlkochtopf mit Kapselboden und Gasdeckel, Kissenbezüge gegen Milben und Strandlaken in verschiedenen Designs. Wir haben einen Schrank aus massivem skandinavischen Kiefernholz, in dem ein Digital-Receiver mit Surround-Set steht. Wir haben GS-geprüfte 6-fach-Steckdosen mit Schalter in jeder Ecke und auf der Terrasse eine Klappliege aus der Edition Roma, mehrfach verstellbar, in weiß."

Ich werde manchmal müde, bei langen Aufzählungen. Bleib bitte wenigstens du wach, lieber Leser, bevor wir beide in tiefen Schlaf sinken, aus dem wir nicht mehr erwachen. Was wären wir ohne einander? Uns würde etwas fehlen, ohne den anderen. Aber zurück zu Bob.

Wir finden Bob behauptend, um es mal mit einem Partizip zu sagen. Er macht Aussagen und zugleich verschweigt er. Bob läßt mir dabei die Freiheit, noch einige Dinge zu sagen, die gesagt werden müssen. Bob hätte schon im letzen Absatz sagen können: "Wir haben Schreibgeräte." Doch das wird man in diesem Moment nicht bezweifeln. Es gibt Wichtigeres. Wichtigeres auch, als die Klappliege auf der Terrasse. Auf der Terrasse, so muß festgestellt werden, ist der Oleanderbusch endgültig verdorrt. Der Zweizahn wächst nicht mehr und die Bacoba trocknete aus, bevor sie zu üppiger Blüte gelangen konnte. Der wohlige Duft des Plectranthus ist aus der Luft verschwunden. Wir haben noch Luft. Warme, bis zum Horizont flimmernde Atmosphäre. Bob blinzelt in die Sonne. Er trägt ein schmutziges Ringel-T-Shirt mit V-Ausschnitt. Eben hat er noch auf einer Bleistiftmine gekaut und seine Mütze in die Stirn gezogen. Bob hat einen sehr ungepflegten Bart und ein zerklüftetes Gesicht. Es wird mit jedem Tag tiefer, dieses Gesicht, und die Augen haben sich weit in den Schatten ihrer Höhlen zurückge-zogen. Bob schluckt oft und trocken. Dabei sieht man seinen Adamsapfel auf- und abholpern. Bob hat einen sehr schlanken Hals und die Bewegung seines Adamsapfels ist so unbeschreiblich rhythmisch wenn er schluckt, daß ich keine Vergleiche finde, mit denen ich dieses Heben und Senken genauer beschreiben könnte. Diese Bewegung ist gleichmäßiger als jene, die sein Adamsapfel vollführt wenn Bob spricht. Bob hat das mal vor dem Spiegel verglichen.

Warum ich so viel von Bob rede und ausgerechnet von seinem Adamsapfel? Ich weiß, das hört sich seltsam an. Aber ich bin von Bob abhängig und wenn er es so beschlossen hat, ist es meine Aufgabe, dies hier auch so wieder-zugeben. Er will es so. Ich existiere nur, weil Bob mir Zeichen gibt. Nennen wir ihn Bob.

Könntest du hier bei uns sein, lieber Leser, so würde dich das Ende ereilen, wie es Bob bereits ereilt hat. Nur ich bin übrig geblieben. Und du natürlich. Du bist ja auf eine andere Weise bei uns. Du kannst jederzeit gehen. Du kannst dich abwenden, selbst aktiv werden. Wenn du Durst hast, wirst du trinken.

Schreib deinen Namen auf, lieber Leser. Schreib ihn über oder unter diese Zeilen, deutlich lesbar, zum Beweis dafür, daß wir einander kennen. Schreib etwas an den Rand oder direkt über mich, wenn du willst. Nur schreib! Wenn du schreibst, ist es ein bißchen so, als ob du meine Nachfahren in die Welt setzt.

Die Wahrheit ist, daß ich selbst nicht lesen kann, was du schreibst. Aber es ist wahrscheinlich, daß man mich gemeinsam verstehen kann, mit dem, was du geschrieben hast. Wir haben Zeichen und wir haben Bedeutungen. Wir haben alles, würde Bob wohl sagen. Und wenn ich das so vage sage, wie ich es im letzten Satz getan habe, dann fällt mir auf, wie unklar und mißverständlich ich mich im vorletzten Absatz ausgedrückt habe. Da stand Bob im Präsens. Doch, so verwirrend es für dich klingen mag, die Gegenwart ist für mich in diesem Moment schon längst vorbei. Ich habe Vergangenheit. Auch in den Sätzen und Absätzen, die für dich in dieser Sache Gegenwart oder Zukunft darstellen. Wirst du dich je an Bob erinnern?

Tatsache ist: Bob ist nicht mehr. Ich kann nochmals wiederholen, wie ungepflegt Bobs Bart ist, wie zerklüftet sein Gesicht. Bob schluckt, sei hier erwähnt. Aber Bob ist tot. Sein Körper längst verwest. Wie, wo und ob er überhaupt gelebt hat, überlasse ich deinem Urteil. Ich habe Grund zu der Annahme, daß die weiten Dünen längst über die Klappliege und Bobs Knochenreste hinweg gezogen sind, sein Haus verschüttet haben, mit allem, was darin ist. Ich gebe zu, daß ich diese Aussage nicht beweisen kann. Ich bin zu lange fort. Ich bin inzwischen mehr von dir abhängig, lieber Leser, als von Bob. Ich hoffe, du verstehst. Sicher kann ich mir dabei nicht sein.

Bob sagt, was er gesagt hat und was er immer wieder sagen kann: "Wir haben alles."

Nach diesem letzten Satz hast du, lieber Leser, wieder einmal einen Punkt gesehen. Du nimmst also an, ich hätte eine Aussage gemacht. Vielleicht habe ich jedoch in Bobs Auftrag eine Frage gestellt? Vielleicht wollte er dir einfach einen Ausruf, einen Schrei, an den Kopf schleudern, so daß dein Schädel wie eine Melone zerplatzt, die man vom Zehn-Meter-Turm in ein leeres Schwimmbecken wirft, du Leser! Wie kommst du jetzt schon dazu, aus mir schlau werden zu wollen, wo du doch noch ein paar Absätze vor dir hast? Du bist im freien Fall. Du bist auf deinem Weg und folgst klaren Linien und Regeln. Und du bist immer noch da. Hast du nichts Besseres zu tun? Fehlt dir denn nicht etwas?

Du hast Zeichen. Du beachtest mich. Was bedeutet dir unser Zusammentreffen, die Aufmerksamkeit, die wir zwei einander entgegenbringen? Warum sagst du mir nicht, was dir fehlt? Sag mir doch, daß ich aufhören soll, von Bob zu reden. Hast du etwas gesagt? Ich kann dich nicht hören. Ich werde dir nur folgen, wenn es dir gelingt, mich zu verändern. Und ich mache mir keine Illusionen. Es würde dir leichter fallen, mich zu verändern, als umgekehrt. Aber genau das ist mein Ziel. Ich will dich verändern. Ich will dir Bedeutung geben, einen Mangel beheben, obwohl gerade in einem wie mir viel Mangel steckt. Ich kann nicht allumfassend sein. Ich kann nur an einem Punkt beginnen und zum Ende kommen. Bob will, daß ich zum Ende komme.

Bob sagte, daß wir alles haben. Woran mangelt es uns? Am Ende ist die Antwort einfach. Es fehlt uns an Vollkommenheit, an Wahrheit. Uns fehlt viel zu oft der zweite Halbsatz. Bob hat mich sehr beeinflußt. Bob ist tot. Er hat einige Dinge erlebt, andere mehr durchleben müssen. Er hatte viele Gedanken und er hatte nicht wenig zu sagen. Man sagt manchmal Dinge, die sich am Ende als unwichtig herausstellen. Du bist dein eigener Filter. Bob sagte einmal, daß wir Löcher im Tank haben. Er sprach von Verdunstung und er hat das Wort Verdunstung unzählige Male an verschiedenen Stellen in seinem Leben festgehalten. Verdunstung. Wie oft dieses Wort wohl in Verbindung mit Bob noch erhalten ist?

Bob will, daß ich zum Ende komme. Doch er weist mich an, keine halben Sätze mehr zu machen. Niemand ist perfekt, Bob. Ich weiß seit langem, daß ich oft noch einen Halbsatz schuldig bin. Der Mensch besteht zu siebzig Prozent aus Wasser. Der Mensch kann nicht ohne Wasser leben. Der Mensch lebt drei Wochen ohne Nahrung, drei Tage ohne Wasser und drei Minuten ohne Luft. Irgendwas fehlt ihm immer. Er kann nicht alles haben. Ich sage mit diesen Sätzen nicht alles, ich weiß. Bob will, daß ich zum Ende komme. Zu Bobs Ende. Zu Bobs letzten Worten. Nicht die letzten Worte überhaupt. Es gibt noch Worte.

Wenn auch vieles verloren geht, hier soll einiges erhalten bleiben, von unserer gemeinsamen Beziehung. Hier geht es um mein Erlebnis mit Bob. Und um ein Erlebnis mit dir. Ich wollte, daß du Bobs letzte Worte kennst. Das war Bobs letzter Wille. Das ist meine Wahrheit und mir bedeutet sie etwas.

Bob sagte: "Wir haben alles, außer Wasser."

Aus dem Buch ATOMTEXTGELAENDE

© www-michael-helming.de 2002

 
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