michaelhelming

die vorläufig letzte Fassung der Gegenwart


Brief an Borges (2003) PDF Drucken E-Mail
Vor einigen Wochen fiel mir beim Durchstöbern der Sammlung eines bekannten Stuttgarter Büchernarren eine Ausgabe von Manual de zoologia fantástica in die Hände, jenes Buches, dass 1964 als Vorlage für den deutschen Titel Einhorn, Sphinx und Salamander - Ein Handbuch der phantastischen Zoologie diente. Der Blick auf die ersten Seiten verriet, es handelte sich leider nicht um die Erstausgabe, jedoch immerhin um ein 1960 gedrucktes Buch aus Mexiko, dem Land, in dem Manual de zoologia fantástica drei Jahre zuvor erstmals veröffentlicht worden war. Da weder der Besitzer noch ich des Spanischen mächtig sind, waren kaum weitere Informationen zu entnehmen. Ich zählte lediglich die Einträge im Inhaltsverzeichnis durch, da mir bekannt war, wie viele Artikel die Erstausgabe enthielt und erwartungsgemäß kam ich auf die Zahl 82. Es musste sich also um einen Nachdruck ohne Ergänzungen handeln. (Bis 1993 wuchs die Zahl der Einträge in verschiedenen internationalen Ausgaben auf über 120 an.) Mit einiger Beharrlichkeit konnte ich den Besitzer überreden, mir dieses Buch leihweise für eine gewisse Zeit zu überlassen und ich legte es einem guten Freund vor, der als geborener Porteño, obwohl seit über zwanzig Jahren in Deutschland lebend, seine Muttersprache fließend beherrscht.
Señor Nowotnys entdeckte sofort, diese Auflage war vom Autor mit einem neuen Vorwort versehen worden, in dem sich Jorge Luis Borges a) für die vielen Ergänzungsvorschläge bedankte, b) seiner Mitautorin Margarita Guerrero zu einer Ehrung gratulierte, c) den Prinzen Hamlet erwähnte, d) die Feststellung bekräftigte, ein Buch dieser Art könne niemals vollständig sein und e) um Geduld und Verständnis dafür warb, dass eine überarbeitete Neuausgabe mit angemessenen Ergänzungen unter Umständen noch eine ganze Weile lang auf sich warten lassen würde.
Im Anschluss an dieses Vorwort fand sich der unkommentierte Abdruck eines Briefes, den ein junger Leser aus Mexiko dem damals knapp sechzig Jahre alten Autor geschickt hatte und den dieser nicht selbst gelesen haben kann, da er trotz acht Augenoperationen schon seit nahezu einer Dekade völlig erblindet war. Señor Nowotny erklärte sich freundlicherweise bereit, den Wortlaut des Briefes ins Deutsche zu übersetzen, welchen ich im Folgenden unverändert wiedergebe.
Lieber Herr Borges! Matamoros, den 29.02.1960

Ich heiße Julio und bin neun Jahre alt. Ich habe einen Bruder und zwei Schwestern. Meine älteste Schwester heißt Maria und sie heiratet diesen Sommer. Ich mag Tiere gern und ganz besonders mag ich Tiger und Drachen. Wir haben auch einen Drachen im Garten. Der lebt unter der Erde beim Schuppen und er ist grün, hat vier Flügel und man kann ihn nur am Abend sehen, wenn es regnet. Mein Onkel hat mir ihr Buch mit den vielen Tieren geschenkt. Bücher mag ich auch sehr gern, aber noch mehr mag ich unseren Hund, der heißt Búzon.
Mein Onkel hat ein ganzes Zimmer voller Bücher. In manchen kommen Tiere vor und die will ich alle lesen, aber es sind sehr viele. Mein Onkel sagt, er mag Tiere, die es in Wirklichkeit gibt genauso gern wie Tiere, die es in Wirklichkeit nicht gibt. Ich mag Tiere besonders gern, die mit den Augen rollen können oder mit dem Schwanz wackeln. Meine Schwester Nina mag Katzen, die Streifen haben. Mein Onkel sagt, Sie haben viele Bücher geschrieben und mindestens so viele gelesen, wie wenn mein Onkel sechs Zimmer voller Bücher hätte. Mein Bruder Raoul sagt, dass das gar nicht geht, weil ein Mensch im ganzen Leben nicht so viele Bücher lesen kann. Mein Bruder sagt, dass es Sie gar nicht in Wirklichkeit gibt und dass Sie sich jemand ausgedacht hat. Das habe ich meinem Onkel erzählt und der hat gesagt, ich soll Ihnen einen Brief an die Universität von Argentinien schreiben. Wenn Sie Ihn lesen und mir schreiben, gibt es Sie auch in Wirklichkeit.

Viele Grüße Ihr

Julio


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