michaelhelming

die vorläufig letzte Fassung der Gegenwart


Sanfte Wege (2003) PDF Drucken E-Mail
Ina kam nach dem Sport doch nicht mehr mit zu mir. Ich stand allein vor meiner Wohnungstür, fand dort einen Zettel und las: Päckchen entgegengenommen. Gruß. F. Weidblatt.
Ich steckte den Zettel ein und ging den Korridor hinunter. Es roch nach Bohnerwachs.
Das Licht ging automatisch aus und die Schalter im Treppenhaus schimmerten rötlich.
Meine Füße traten auf der Stelle, auf der Fußmatte mit dem Wort Willkommen.
Nach dem Klingelton dauerte es eine Weile, bis hinter der Tür Schritte zu hören waren. Mit den Weidblatts und mir funktioniert soweit alles. Seit ich im Haus wohne, hat es zwischen uns nie Probleme gegeben. Auch wenn meine Musik manchmal zu später Stunde noch laut ist, oder wenn ich die Kehrwoche vergesse. Das passiert oft.
Es ist nicht das erste Mal, dass Frau Weidblatt mir den Weg zur Post erspart und ich habe auch schon für die Weidblatts Pakete angenommen, wenn sie nicht zu Hause waren.
Das funktioniert zwischen uns.

Die Schritte kamen näher und im Türspalt hinter der Kette tauchte das Gesicht von Frau Weidblatt auf.
Ach Sie sind es, sagte sie und lächelte.
Die Kette rasselte. Dann stand die alte Dame in voller Größe vor mir und bat mich herein.
Sie ist ein sehr kleines und zierliches Frauchen - muß aufschauen, will sie mir in die Augen sehen.
Gehen Sie nur gleich durch in die Küche", sagte sie und blieb mit ihren schneeweißen Locken hinter mir zurück. Sie trug diesen blau geblümten Haushaltskittel, den ich an ihr kenne und von dem ich denke, daß er sie älter macht, als sie sich fühlt. Ihr Körper blieb zurück, während mich ihre Stimme auf schrille Art überholte:
Heinz? Der junge Mann von nebenan ist da. Wegen dem Päckchen.

Herr Weidblatt gab keine Antwort. Er saß auf der winzigen Eckbank. Über seinem fast kahlen Schädel umkreiste der Sekundenzeiger aufdringlich pochend das Zifferblatt der Küchenuhr. Er nickte mir kurz durch seine dicken Brillengläser zu, senkte wieder den Kopf und legte die Stirn in Falten. Vor sich hatte Herr Weidblatt die Einzelteile einer Kaffeemaschine ausgebreitet. In der rechten Hand hielt er einen Schraubenzieher.
Leg das doch beiseite, Heinz, sagte Frau Weidblatt und lächelte. Keine Reaktion.
Ich hole Ihnen gleich Ihr Päckchen. Sie drehte einen Stuhl in meine Richtung.
Ich nahm Platz. In meinem Rücken pfiff leicht und heiser ein Wasserkessel.
Frau Weidblatt brachte drei Tassen an den Tisch.
Mach Platz, Heinz! sagte sie und Herr Weidblatt zog brummend die Platinen und den Heizstab näher zu sich heran.
Sie trinken doch eine Tasse Kaffee mit uns, nicht wahr? Ich nickte und lächelte zurück.
Heinz. Laß gut sein. Ich kann doch wieder von Hand aufbrühen, sagte sie.
Wenn wir einen Automaten haben, wird er auch benutzt, war Herr Weidblatts mürrische Antwort.
Aber wenn er doch kaputt ist, wandte sie ein und er gab zurück:
Deshalb wir er ja repariert.
Wir können uns doch auch mal was Neues leisten. Die Dinger kosten ja nicht die Welt.
Frau Weidblatt bot mir Milch und Zucker an. Ich nahm Milch.
Es geht nicht darum, was ein Kaffeeautomat kostet, sagte Herr Weidblatt.
Ich gehe mal Ihr Päckchen holen. Sie lächelte.

Herr Weidblatts Haut ist von Leberflecken übersät. Seine Augenbrauen sind dicht gewachsen und schneeweiß. An jenem Tag trug er ein kariertes Hemd und eine graue Strickjacke.

Das Päckchen lag hinter meinem Rücken, auf der Ablage des antiken Büffets. Es gab Schubladen, auf denen Mehl, Zucker oder Graupen stand. Wir saßen da und tranken Kaffee.
Es gibt halt Dinge, die kann man nicht reparieren, sagte Frau Weidblatt und ihr Mann kratzte lieblos Kalk vom Heizstab der ausgeschlachteten Kaffeemaschine. Der Schraubenzieher war viel zu groß.
Man kann alles reparieren, sagte Herr Weidblatt ohne aufzuschauen.
Du weißt genau, daß das nicht wahr ist, sagte sie.
Man kann fast alles reparieren, berichtigte Herr Weidblatt.
Weißt du noch, wie damals der Keilriemen gerissen ist? Bei unserem gelben Käfer.
Nachts auf der Landstraße. Das habe ich auch hingekriegt.
Meine besten Strumpfhosen hast du ruiniert. Weiß ich noch, als wäre es gestern.
Gute Nylons waren damals noch richtig teuer.
Immerhin hat es funktioniert. Man kann alles reparieren, wenn man was kann.
Ach Heinz. Das war neunzehnhundertsechzig.
Sommer achtundfünfzig war das! Brasilien war ganz frisch Fußballweltmeister.
Von mir aus, Heinz.
Ich bin schließlich noch nicht verkalkt!
Aber deswegen können wir uns doch trotzdem eine neue Kaffeemaschine kaufen.
Das waren doch ganz andere Zeiten. Damals konnten Männer eben noch mit Strumpfhosen Autos reparieren.
Man muß trotzdem nicht immer gleich alles wegwerfen, sagte Herr Weidblatt, seufzte und ließ den Schraubenzieher mit Schwung fallen.
Ich hörte die Platine knacksen.

Frau Weidblatt sah mich an. Sie lächelte und ich bemerkte, wie spröde ihre Lippen waren.
Sie versuchte, das Thema zu wechseln. Ich sah ihr an, wie verzweifelt sie nach einem Gespräch suchte, in das ich mich verwickeln lassen würde.
Eine hübsche junge Frau sei ihr im Hausflur aufgefallen, sagte sie. In meiner Begleitung.
Diese Frau habe einen auffallend lebhaften und so sympathischen Eindruck auf sie gemacht.
Na ja, also Ihre Freundin ist das, sagte Frau Weidblatt lächelnd. Das habe ich mir gleich gedacht.
Herr Weidblatt drehte die zerbrochene Platine in seiner Hand hin und her.
Frag doch nicht so neugierig, raunte er seiner Frau zu.
Was bist Du nur für eine neugierige Kuh!
Man wird schon noch fragen dürfen, sagte sie. Schließlich muß man doch wissen, wo die fremden Gesichter im Haus hingehören. Sonst könnte sich ja bald jeder unbemerkt Zutritt verschaffen.
Herr Weidblatt nahm den Heizstab in beide Hände und verbog ihn, bis der Kalk splitterte.
Mein Mann und ich, wir haben uns seiner Zeit beim Tanzen kennengelernt, erzählte Frau Weidblatt.
Das interessiert doch heute niemanden mehr, brummte Herr Weidblatt und brach weitere Teile des Maschineninnenlebens in Stücke. Alles wurde nicht nur unbrauchbar, sondern auch immer kleiner.
Ach ja, lächelte Frau Weidblatt: Wo sich die jungen Leute heute so überall kennenlernen.

Ina und ich, wir haben uns beim Judo kennengelernt, sagte ich.
Beim Judo? Ist das nicht wahnsinnig unromantisch? wollte Frau Weidblatt wissen.
Den jungen Leuten kann es heutzutage eben nicht gewalttätig genug sein, stellte Herr Weidblatt fest. Er raffte die Einzelteile der defekten Kaffeemaschine zusammen, stand auf und ließ sie in den Abfalleimer fallen. Das leere Plastikgehäuse stellte er daneben.
Es erinnerte mich an einen abgewrackten Kleinwagen.
Mit Gewalt hat Judo eigentlich recht wenig zu tun, sagte ich.
Aber Judo ist doch diese japanische Kampfsportart? fragte Frau Weidblatt und ich erklärte, daß es nicht wirklich ums Kämpfen, sondern mehr um Selbstverteidigung geht. Aber die Sicherheit, die man beim Judo gewinnt ist eigentlich eine andere, eine viel tiefer gehende.
Wer dabei an Gewalt denkt, liegt irgendwie nicht ganz richtig.
Zunächst einmal muß man Fallen lernen, sagte ich.
Man muß Fallen lernen, wiederholte Frau Weidblatt.
Es ist wichtiger, selbst zu fallen, als jemanden fallen zu lassen, sagte ich.
Man muß zunächst das richtige Fallen lernen. Dabei muß man einander vertrauen.
Ich versuchte zu erklären, wie Ina und ich uns gegenseitig fallen lassen.

Mit meinem Päckchen unterm Arm ging ich durch den Korridor. Zurück zu meiner Wohnung. Zwischen meinen Zähnen knirschte Kaffeesatz und ich hörte auf der anderen Seite meiner Wohnungstür das Telefon klingeln.

Herr Weidblatt hatte gedankenverloren mit dem Schraubenzieher gespielt und seine Frau hatte gesagt, Ina würde sie irgendwie an ihre eigene Tochter erinnern. Die Haare und so.
Ich hatte bis dahin keine Ahnung von einer Tochter der Weidblatts.
Ist auch schon lange her, hatte Frau Weidblatt gesagt und für eine Sekunde hatten ihre spröden Lippen aufgehört zu lächeln. Herr Weidblatt hatte geschwiegen. Mit Daumen und Zeigefinger war er immer wieder über die Spitze des Schraubenziehers gefahren.

Ich erinnere mich, wie Frau Weidblatt scheinbar in Gedanken sagte, es sei ja eigentlich in der Natur nicht üblich, daß Eltern ihre Kinder überleben.

Das Telefon klingelte weiter, als ich die Tür hinter mir ins Schloß fallen ließ und das Päckchen abstellte. Ina war dran. Ich sagte ihr, daß es schön sei, ihre Stimme zu hören und daß wir grade eben von ihr gesprochen hatten.

Aus dem Buch ATOMTEXTGELAENDE

© www.michael-helming.de 2003

 
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