michaelhelming

die vorläufig letzte Fassung der Gegenwart


Sag mir nachher, wie der Melonenkaviar war, Schatz! (2004) PDF Drucken E-Mail

Schon den ganzen Nachmittag über habe ich dieses hilflose Gefühl. Keinen Bissen werde ich runterkriegen. Dabei wäre es eigentlich in meinem Sinne, wenn ich den ganzen Abend über ausschließlich essen würde. Mit vollem Mund spricht man nicht.

 

Dieser Erwartungshaltung sehe ich mich schon hier im Schlafzimmer gegenüber, vor dem riesigen Spiegel. Ich reagiere gereizt. Dabei hat meine Frau nur gefragte, ob sie mir mit der Krawatte helfen soll. Ich trage die Dinger ungern und dementsprechend selten, binde jedoch immer und ohne Ausnahme selbst. Wir sind seit fast zwanzig Jahren verheiratet und eigentlich kennt meine Frau meine Gewohnheiten. Sie weiß, wenn mir unangenehme Entscheidungen bevorstehen, gehen mir im wahrsten Sinne des Wortes die Haare aus. Eigentlich kann ich ihr alles erzählen, doch heute hat sie kein glückliches Händchen mit mir, den sie begreift nicht, dass ich nicht reden möchte, noch nicht. Ich binde mir den Schlips, ohne in den Spiegel zu schauen. Das ist wie Schwimmen oder Radfahren. In meiner Lage, denke ich, ist einen Schlips tragen das Mindeste, was ich tun kann. Sonst kann ich ja ohnehin nichts tun.

 

Herr Budva studiert bereits die Karte, vor sich ein Glas Rotwein. Als er mich kommen sieht, strahlt sein gesamtes Gesicht wie eine polierte Bronzescheibe. Er stemmt seinen umfangreichen Körper empor, wackelt mit kurzen Beinen, die ihn im Zusammenspiel mit seiner übrigen Physiognomie besonders plump erscheinen lassen, auf mich zu und begrüßt mich stürmisch, fast flehend. Mit beiden, grobweichen Pranken nimmt er meine rechte Hand in Besitz, schüttelt sie lang und kräftig, bevor er sie endlich wieder freigibt und lächelnd schnauft.

„Schön, dass sie gekommen sind“, sagt er und reicht mir die Karte.

„Sie sind meine einzige Hoffnung“, höre ich ihn sagen und dem Kellner sage ich:

„Nur eine Kleinigkeit, bitte.“
 

„Sie haben alles gelesen?“, fragt Herr Budva, als ich meine Suppe löffle.

„Ich habe alles dabei“, sage ich, lege den Löffel zur Seite und will die Unterlagen zurückgeben, doch Herr Budva winkt ab.

„Das hat Zeit“, sagt er. „Vielleicht brauchen Sie ja später noch das ein oder andere.“

 

Ich löffle schweigend meine Suppe und Herr Budva scheint derweil seine Aufgabe darin zu sehen, mich unterhalten zu müssen. Er erzählt abermals von seinen Träumen, die ja nun wohl alle wahr werden würden und er rekapituliert wieder und wieder die Einzigartigkeit des Zusammentreffens bestimmter Zufälle, die jetzt endlich zu diesem großen Moment geführt hätten, auf den er seit fast einem halben Jahrhundert wartet.

Er philosophiert über die Schönheit; wie einem Menschen bestimmte Dinge ans Herz wachsen und wie sie dann eins werden mit ihrem Bewunderer und dass nichts auf der Welt sie dann mehr trennen kann, ohne dass dabei beide Teile zugrunde gingen.

Ich höre vieles, was ich schon zuvor gelesen habe. Herr Budva hat all sein Geld in diese Stiftung gesteckt und in jahrelanger, mühsamer Arbeit Verbindungen nach Asien aufgebaut.

 

„Ich kann ja nicht aus meiner Haut“, sagt sein Bronzegesicht und Herr Budva spricht von Liebe. Das Objekt seiner Sehnsüchte hatte er nach dem Krieg in einem archäologischen Katalog entdeckt und sogleich damit begonnen, alles über dieses Objekt zu sammeln. Achtmal ist er seitdem in die Volksrepublik gereist, um das Stück im Original zu sehen. Eine sehr schlechte Kopie steht bei ihm im Wohnzimmer.

 

Erzählen macht hungrig und so lässt er sich noch einmal die Karte kommen. Was ich von Kalbsmedaillons an Melonenkaviar und Broccoli halte?

„Melonenkaviar ist ja grad der letzte Schrei“, sagt er.

Ich habe keine Meinung zu Melonenkaviar. Inzwischen habe ich jedoch eine – wenn auch bescheidene – Meinung zu Ch´un-ch´iu.

 

Als Ch´un-ch´iu-Periode bezeichnen Kunsthistoriker die Epoche von ca. 720 bis 480 vor Christus. Zu der Zeit fand ein intensiver Austausch zwischen chinesischer Kultur und jener der nördlichen Steppenvölker statt, was infolge einer Übernahme diverser Techniken zu einem ersten Höhepunkt der chinesischen Goldschmiedekunst führte. Im letzten Drittel der Ch´un-ch´iu-Periode wurde dann eben auch der Wu geschaffen, ein ungefähr vierzehn Zentimeter hohes Gefäß, eine Art Kanne, in der Form eines Igelkörpers, die Stacheln lediglich als kleine Kerben auf der Oberfläche angedeutet. Dieser Igel steht auf vier menschlichen Beinen und als Deckel dient ein ebenfalls menschlicher Kopf.

 

Über die genaue, vermutlich rein kultische Verwendung des Wu sind sich die Archäologen nicht ganz einig, genauer gesagt, sie sind in dieser Frage heillos zerstritten. Das Interessanteste an diesem anthropozoomorphen Gegenstand ist jedoch nicht seine Verwendung, sondern das Verfahren, mit dem er hergestellt wurde. Die Forscher haben in dieser Angelegenheit keinerlei Möglichkeiten für Vergleiche, denn der Wu ist das einzige bisher gefundene Gefäß seiner Art. Lediglich aus alten Aufzeichnungen weiß man, dass Wuä in der Ch´un-ch´iu-Periode relativ verbreitet waren und mindestens bis ins zweite vorchristliche Jahrhundert hinein benutzt wurden. Der Wu besteht aus reinem Gold und obwohl sich dieses Edelmetall bekanntlich sehr dünn verarbeiten lässt, haben wir es hier mit einer besonderen Verfahrenstechnik zu tun, bei der das Gold stabil, fest und bis zu einem gewissen Grad belastbar bleibt, obwohl es nur Tausendstelbruchteile eines Millimeters dünn ist. Das Gold besitzt hier viele Eigenschaften von Glas, ist beispielsweise zerbrechlich und ein wenig durchsichtig. Wie man vor über zweieinhalbtausend Jahren Gold auf diese Art bearbeiten konnte ist ein Rätsel. Das Wissen um diese Technik ist noch vor der Zeitenwende verlorengegangen und bislang nicht wiederentdeckt worden.  

 

Für die Herstellung des Wu waren hochangesehene Goldschmiede zuständig und die Meister der Zunft gaben ihr Wissen nach komplizierten Regeln an die Gesellen weiter. Entscheidend bei der Herstellung waren vermutlich gewisse Arbeitsschritte, die man nicht durch simples Zuschauen erlernen konnte, sondern die vielmehr spezielle Kenntnisse der Physik erforderten. Dieses Geheimwissen kam nicht mündlich von einer auf die nächste Generation, sondern durch eine besondere Art der Schrift. Jeder Geselle erlernte im Verlauf seiner Ausbildung eine bestimmte Anzahl von Zeichen, die zunächst keinerlei Funktion offenbarten. Erst gegen Ende der Ausbildung – sie dürfte an die zwanzig Jahre, also damals ein halbes Menschenleben lang, gedauert haben – kamen spezifische Determinative hinzu, die den semantischen Zusammenhang der Zeichen ordneten. Erst mit der letzten Phase seiner Ausbildung war es also einem Schüler möglich, die Schrift, die man Qa-ch´i-ho nannte, zu lesen und zu verstehen.

 

Die eigentliche Arbeitsanweisung für die Herstellung von Wu-Gold wurde nicht auf Papier oder Tontafeln fastgehalten, sondern sie gelangte durch ein spezielles Ritual auf die Köpfe angehender Meister. Die hierfür notwendige Zeremonie fand ungefähr nach der Hälfte der Ausbildung statt. Hierbei schloss sich der Meister eine Nacht lang mit seinem Schüler ein und rasierte diesem zunächst den Kopf. Auf dessen nackte Kopfhaut tätowierte der Meister dann seinem Schüler, in einer kursiven Miniaturform des Qa-ch´i-ho, alle notwendigen Rezepte und Formeln. Das Haupt des Schülers wurde bei Sonnenaufgang mit Asche geschwärzt.

 

Die Rezeptur verschwand unter dem nachwachsenden Haarschopf des Schülers und von nun an galt für ihn ein Leben lang das Gebot, die Haare schulterlang zu tragen. War das Haar eines Schülers kürzer, hatte der Meister das Recht und die Pflicht, ihn sogleich zu töten. Derartige Vorkommnisse waren jedoch äußerst selten. Allerdings war das Leben eines Schülers auch dann bedroht, wenn er an natürlichem Haarausfall litt. Man hat besondere Haarkappen – Vorläufer der Perücken – gefunden, die wohl dem Umgang mit diesem Problem dienten.

 

Die strengen Lebensregeln der Wu-Goldschmiede verboten den Gebrauch von Spiegeln aller Art. Man durfte nicht einmal sein Abbild an der Oberfläche eines Flusses oder Sees betrachten und wenn man ein Bad nahm, musste das Wasser mit Zusätzen versehen werden, welche weißen Dampf und Schaum erzeugten.

 

Hatte ein Geselle alle notwendigen Fähigkeiten erlernt, stieg er nicht automatisch in den Rang eines Meisters auf. Alles Wissen reichte hierzu nicht. Er musste seinem Lehrer weiterhin treu bis zu dessen Tod dienen und wenn letzterer sein Ende nahen fühlte, weihte er seinen Schüler in das allerletzte Ritual ein.

 

War ein Meister gestorben, so musste sein Geselle die Totenwache halten und in einer bestimmten Nacht auf gewisse Weise jene Zeremonie wiederholen, die er einst selbst erfahren hatte. Er zog sich also mit seinem Meister zurück und schor ihm das Haupt. Die Nacht verbrachte er damit, die Inschrift auf dessen Kopfhaut zu lesen und auswendig zu lernen. Damit lernte er zugleich, was auf seinem eigenen Kopf stand und was er also selbst einmal an seinen Schüler weitergeben würde. Am kommenden Morgen hatte er dann die Aufgabe, die sterblichen Überreste seines Meisters auf einem heiligen Scheiterhaufen zu verbrennen. Erst danach durfte er dessen Geschäfte übernehmen. Die Asche wurde in einer kleinen Urne im Hause aufbewahrt und dazu verwendet, dem neuen Schüler das Haupt zu schwärzen, wenn dieser seine Tätowierung empfing.

 

Ich frage nach der Rechnung, doch Herr Budva wehrt ab.

„Lassen Sie mich das übernehmen“, sagt er. 

 

„Die meisten Menschen sind ziemlich oberflächlich“, sage ich. „Es ist schwer, sie für eine Sache zu begeistern, die nicht oberflächlich ist, es sei denn, es handelt sich dabei um Geld. Und – so leid es mir tut – ich sehe in ihren Plänen kein Geld, mit dem man irgendwelche Investoren hinter dem Ofen hervorlocken könnte.“

 

Als Herr Budva sich verabschiedet, ist ihm die Enttäuschung anzusehen. Er muss lange Zeit auf mich gesetzt haben. Und jetzt, mitten in der Nacht, sagt meine Frau plötzlich zu mir: „Ist dir eigentlich mal aufgefallen, dass Kellner in Chinarestaurants meistens ganz unmodische Frisuren haben?“

 
 
 
 
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