michaelhelming

die vorläufig letzte Fassung der Gegenwart


Zwischen den Zeilen (2005) PDF Drucken E-Mail
But deeper lies the heart of peace
In quiet more profound;
The heart of quietness is here
Within this churchyard bound.
William Wordsworth


Wenn man mich fragt, ob ich meine Bücher lieber als Neuware im Laden kaufe oder sie vorzugsweise im Antiquariat erwerbe, so entscheide ich mich ohne Zögern und im vollen Wissen um meine Neigungen für letztere Möglichkeit. Das ist nicht nur eine Frage des Preises. Keinesfalls. Nicht selten könnte man sogar gegenteiliges behaupten. Meine Vorliebe hat zu einem beachtlichen Teil mit Verfügbarkeit zu tun. Was ich lesen möchte wird meist derzeit nicht gedruckt. Ob es sich um eine zweisprachige Ausgabe mit Gedichten von Shelley handelt (die ich schließlich in der Unibibliothek Konstanz fand, entlieh und las) oder um deutschsprachige Bekenntnisse eines englischen Opiumessers. Hergestellt werden Bücher heute nur, wenn sie sich schnell in größerer Stückzahl verkaufen lassen. Was waren das noch für Zeiten, in denen Bücher in erster Linie dem Entdeckt und Gelesen werden dienten. Buchhandel und Verlage haben sich langst und um des Überlebens Willen mit der Tatsache arrangiert, dass Bücher heute eben oft von Leuten gemacht werden, die eigentlich nicht schreiben, für solche, die eigentlich nicht lesen. Diese Meinung hat sich zwar - oft angemerkt und vom Feuilleton ausgewalzt - in Windeseile zur anerkannten Binsenweisheit entwickelt, doch verändert hat sich durch dieses Bewusstsein nichts. Die Postmoderne macht den Menschen verständig aber handlungsunfähig.

Neben dem, für meine Begriffe, ansprechenderen Sortiment hat das Antiquariat noch einen weiteren Vorzug. Wenn man zum Beispiel eine Neuausgabe von Borges El Aleph neben eine gebrauchte legt, so enthält die zweite mindestens eine Geschichte mehr, als die ungebrauchte, obwohl beide Bücher ansonsten identisch sind, den gleichen Einband und die gleiche Seitenzahl haben. Die zusätzliche Geschichte, die ich meine, ist die des Vorbesitzers.

Wie deutlich diese zum Tragen kommt, ist von den Spuren abhängig, die der Vorbesitzer hinterlasen hat. Das können Eselsohren, Unterstreichungen, Ruß- und Kaffeeflecken sein, im schlimmsten Fall ein- oder sogar ausgerissene Seiten.
Wenn ich ein Antiquariat betrete, habe ich stets eine Liste mit Titeln oder zumindest Autoren im Hinterkopf, nach denen ich noch suche. Das hervorziehen interessanter Bände erfolgt bei mir also recht zielstrebig und ich befasse mich dann meist nicht mit dem gedruckten Inhalt – lesen will ich ja später in Ruhe – sondern ich suche nach Spuren der Vorbesitzer. Sobald die Pflichtblicke auf den allgemeinen Zustand erledigt sind, ist dies das Schönste am Stöbern in Antiquariaten: Die Suche nach der Geschichte jenes Buches, in dem man gerade blättert.. Dabei können vergessene Lesezeichen aufschlussreich sein, jedoch auch viele andere Dinge, die eifrigen Lesern als Ersatz gedient haben mochten, wenn gerade kein Lesezeichen zur Hand war. Hier findet man Fotos und Briefe, Schokoladenpapier, Einkaufszettel, Konzertkarten oder Zeitungsausschnitte. Wurden Bücher von ihren Besitzern zweckentfremdet, findet man manchmal auch getrocknete Pflanzen oder Löschpapierstreifen, zwischen denen abgelöste Briefmarken stecken, die man offensichtlich nach dem Trocknen dort vergessen hat. Je alltäglicher die Dinge sind, die man zwischen solchen Buchseiten findet, um so größer und geheimnisvoller treiben jene Geschichten aus, die sie zu erzählen haben und manchmal meine ich fast, mich als Teil dieser Geschichten wiederzufinden, oder zumindest als deren Randfigur.

Ich brauche wohl nicht zu erwähnen, dass ich an keinem Laden mit gebrauchten Büchern vorbei gehen kann und wenn ich das Geschäft einmal betreten habe, dort auf meine eben beschriebene Weise die Bestände durchforste, dann können mitunter Stunden vergehen, bis ich wieder den Ausgang finde. Ein Umstand, der mit den Jahren dazu geführt hat, dass ich meine Antiquariatsbesuche für gewöhnlich allein erledige. Freunde und Bekannte winken dankend ab und mich stört dies überhaupt nicht. Mit den Büchern habe ich für den Moment alle Gesellschaft die ich brauche. Sie erfordert meine ungeteilte Aufmerksamkeit und so bestehe ich schon sehr lange Zeit darauf, mich in jeder Stadt in die ich komme, zumindest einen Nachmittag lang allein auf Bücherjagd zu machen. Vor knapp zwei Wochen passierte mir dabei in Dresden die folgende Geschichte.

Ich ging die Leipziger Strasse stadteinwärts, eine unglaublich langgezogene Verkehrsader und derzeit vermutlich eine der längsten Baustellen Deutschlands. Immer wieder musste ich Sandhügeln, Steinhaufen und Absperrungen ausweichen. Ich hatte vor, an der nächsten Ecke rechts abzubiegen, um an die Elbe und von da aus zum Bärenzwinger unterhalb der Brühlschen Terrassen zu gelangen, dem Balkon Europas, wozu ich den Fluss an der Augustusbrücke überqueren wollte. Ein Weg mit romantischem Blick auf Elbufer und Altstadt, fernab von Staub und Bauschutt. Einige Stunden später sollte ich diesen Weg auch tatsächlich einschlagen, doch zunächst einmal war ich abgelenkt. Ein Schild mit einem rot leuchtenden Pfeil winkte mich gewissermaßen näher. Unter diesem Pfeil stand, eher klein und weniger leuchtend, das Wort „Buntebücherscheune“. Da ich von zusammengesetzten Hauptworten, in denen sich Bücher verstecken, verständlicherweise angezogen werde wie ein alter Eisennagel vom Magneten, folgte ich dem Pfeil und gelangte in einen Hof, wo sich unzweifelhaft eine riesige Scheune befand, deren Tore weit offen standen. Es war ein Aprilnachmittag und einer der ersten sommerlich warmen Tage des Jahres.

Das zweistöckige Gebäude kann man nicht unbedingt schön nennen, es hatte jedoch den Charme der Zweckmäßigkeit und durch die großen Fenster konnte ich im Obergeschoss lange Regalreihen sehen, in denen Bücher dicht an dicht standen oder sich hinter den Fenstern stapelten. Mein Herz schlug schneller.

Vor dem Tor stand ein Berg aus Kisten und Kartons und dabei eine Frau, die mich begrüßte. Ich erwiderte den Gruß, deutete auf die Fenster im Obergeschoss und fragte, wie man denn da hinauf käme.
Goar nich! Nö!, bekam ich zur Antwort und mir fiel erstmals und jäh auf, dass dieses Nö!?, welches Sachsen ihren Sätzen oft nachzustellen pflegen, die ihnen eigene Mundart außerordentlich weich macht, fürs fremde Ohr. Wenn Sachsen einem Vokal den Umlaut aufsetzen, bekommt das ganze Wort einen Klang wie Käsekuchen, der seit drei Stunden in der Sonne steht. Ich weiß nicht warum, aber ich empfinde dieses Faktum durchaus nicht als unangenehm.

Wenig angenehm hingegen, erschien mir allerdings die Aussicht, keinen Zugang zu den Obergeschossfolianten zu erhalten. Doch die Frau konnte mich beruhigen, indem sie sogleich erklärte: „Doa oben is´ nur unsa Laager. Nö!? Allös was doa steht finden se unten oauch.“ Dabei deutete sie aufs offene Scheunentor. Ich bedankte mich artig, ließ die gute Frau bei ihren Kisten und tauchte ein, in ein Meer von Büchern, die zu allem Überfluss auch noch recht preiswert waren. Immer ein Indiz dafür, dass ich später eine Tüte brauchen werde. In der Tat erwarb ich an diesem Tag unter anderem Taschenbuchausgaben der Schiffstagebücher von Christof Kolumbus, das Kristallei von H.G. Wells, Dr. Heideggers Experiment von Nathaniel Hawthorne, die Gewinner von Cortázar, Melvilles Piazza-Erzählungen, Sebastian Brants Narrenschiff, den Selbstmörderklub von Robert Louis Stevenson sowie eine Sammlung italienischer Märchen, die unter dem Titel Die Insel der Glückseligkeit zusammengefasst war.

Der beeindruckendste Fund war jedoch ein Buch, von dem ich zugeben muss, es bis heute nicht gelesen zu haben, da sich immer wieder andere Bücher in der Priorität meiner Leseliste davor setzten. Grundsätzlich ist es ja auch nicht verkehrt, wenn man in der eigenen Bibliothek immer noch genug ungelesenen Stoff vorfindet. Nichts ist schlimmer, als nichts mehr zu Lesen im Haus zu haben. Das besagte Buch trägt den Titel Memoiren und beinhaltet eine Essaysammlung von Thomas de Quincey. Die Ausgabe war 1988 in der damaligen DDR erschienen. Als ich es im Inneren der Scheune zum ersten Mal in Händen hielt und durchblätterte, entdeckte ich zwischen den Seiten 100 und 101, letztere trägt die Kapitelüberschrift „William Wordsworth“, eine Fahrkarte der Deutschen Reichsbahn. Sie war nur für die Hinfahrt ausgestellt. Der erste Geltungstag war der 15.12.1988 und ab da war sie noch drei Tage lang gültig, also einschließlich bis zum 18. Dezember. Es war ein Fahrschein für die Zweite Klasse zum Tarif für Schüler und Studenten. Jemand war mit diesem Ticket von Freiberg (Sachsen) über Dresden und Leipzig nach Borsdorf gefahren. Borsdorf ist quasi ein Vorort von Leipzig und diese 172 Bahnkilometer kosteten damals 6 Mark und 45 Pfennige. Möchte man heute auf exakt dieser Strecke unterwegs sein, durch Orte wie Muldenhütten und Engelsdorf kommen, dann zahlt man als BahnCard-50-Besitzer 9 Euro und 60 Cent, vorausgesetzt man wählt eine Verbindung ohne ICE. Meint man, auf den Schnellzug nicht verzichten zu können, berappt man ganze 16 Euro, ist zwei Stunden und vierundfünfzig Minuten unterwegs, wobei man zwar kein Geld, dafür jedoch zwanzig Minuten Fahrzeit einspart. Ohne BahnCard kostet es dann bekanntlich das Doppelte. Reisenden, die das Schienennetz intensiv nutzen, ist die Tarifpolitik ihrer Bahn ja hinlänglich bekannt und selbst jedes Kind weiß inzwischen, wie vermeintlich revolutionär diese in der Öffentlichkeitsarbeit dargestellt wird: „Früher hätte nicht einmal Einstein unsere Preise kapiert.“ Heute ist er tot. Times they are a changing.

Jener Reichsbahnfahrschein war noch klassisch mit der Lochzange entwertet worden. Der Käufer hat seine Fahrt damals also wohl tatsächlich angetreten. Auf der Rückseite des Billets finden sich folgende, handschriftliche Notizen: Silvester. Ho-Chi-Min-Str. 52, ehem. Laden Melau Café. (Vielleicht sollte es Milieu Café heißen!? Heißt es aber nicht!) Darunter waren, mit vorangestellten Gedankenstrichen, nachstehende Punkte aufgelistet:

-Schlafsack
- zu essen
- 18/19/2000

Ich vermute, die Ho-Chi-Min-Strasse trägt inzwischen einen anderen Namen. Ich habe das nicht nachgeprüft. Der Gedanke entspringt lediglich einer Assoziation mit Karl-Marx-Stadt. Ich legte den Fahrschein an seinen Platz zurück, an dem er ja vielleicht die letzten siebzehn Jahre nicht schlecht gelegen hatte und sah mich weiter zwischen den Seiten um.

Zwischen Seite 306 und 307 fand ich eine 50-Pfennig-Fahrkarte der Stadtschnellbahn Leipzig und noch weiter hinten, bei Seite 336 einen Streifenfahrschein für eine Mark, ebenfalls aus Leipzig. Den wichtigsten Fund jedoch, machte ich am Ende des Buches, direkt zwischen Inhaltsverzeichnis und Umschlag. Hier lag ein in der Mitte gefalteter Zettel, beschrieben und bemalt mit einem blauen Tintenfüller. Auf einer Seite stand folgendes zu Lesen:

So, mein lieber Jörg!
Natürlich hat der Weihnachtsmann auch dieses Jahr an Dich gedacht; mit einem schönen Geschenk belohnt er deine (sic!) Mühe und dein (sic!) Fleiß für dieses Jahr.
Hoffentlich hast du (sic!) viel Freude dabei.
Noch ein schönes Fest und einen glücklichen Rutsch ins neue Jahr.
Der Weihnachtsmann!

Auf die Rückseite war - ebenfalls mit Tinte und in groben Strichen - ein großer, ungeschmückter Tannenbaum gemalt. Daneben ein struppiger Weihnachtsmann mit einem Sack und ganz oben ein kleiner, runder Mond und fünf recht unförmige Sterne.

So bekommt eine Geschichte langsam ihre Konturen und sie beginnt gut eine Woche vor Weihnachten im Jahr 1988. Jörg fährt mit dem Zug von Freiberg nach Borsdorf. Entweder ist er auf dem Weg nach Hause oder er besucht über die Feiertage Verwandte, vielleicht ja eine Tante. Auch ich habe, wie es der Zufall will, in Dresden eine Tante besucht. Von ihrem Balkon aus kann man auf die Elbe und die Türme der Stadt sehen. Aber Jörg fährt ja nicht nach Dresden. Er fährt nur durch. Vielleicht kann auch er im Vorbeifahren kurz die Elbe sehen, aber er ist ja nur auf der Durchreise, auf dem Weg nach Leipzig und weiter nach Borsdorf. Vielleicht hat er seinen Schlafsack schon dabei, wie auch ich. Es ist anzunehmen, dass er über Neujahr bleiben möchte. So viel Zeit habe ich dagegen nicht. Ich fahre spätestens Übermorgen zurück und bis Sylvester ist ja auch noch mehr als acht Monate Zeit. Jörg hat Dresden schon lange hinter sich gelassen, ist auf dem Weg nach Leipzig. Dort wird er umsteigen. In Borsdorf wird er seine Tante oder seine Eltern begrüßen. Er wird, nachdem er sich eingerichtet hat, am einen oder anderen Tag mit der Schnellbahn nach Leipzig fahren. Er besucht dort ein paar Freunde, Bummelt ziellos durch die Strassen oder macht Weihnachtseinkäufe.

Dann kommt der heilige Abend und unterm Baum findet Jörg ein Buch von Thomas de Quincey. Leider ist Jörgs Wunschzettel für das Jahr 1988, wenn er denn einen geschrieben hat, verschollen und so kann man nur schwer beurteilen, ob er sich dieses Buch gewünscht hat oder ob er sich damit fühlte, wie Vati beim Auspacken der dritten Krawatte. Seine Freude bleibt eine Vorstellung. Ein möglicher Moment. Sie ist nicht rekonstruierbar. So ist das mit Emotionen. Aber wenn ihm das Buch wirklich gefiel, wird er vermutlich jede feie Minute darin gelesen haben. Nach ausgiebigen Weihnachtsgelagen dürfte auch die notwendige Muße für ein paar Lesestunden vorhanden gewesen sein. Eventuell gönnte er sich ein schnelles Kapitel in der kurzen Zeit zwischen Lebkuchen mit heißer Schokolade und dem Puter mit Rotkraut.

Vielleicht hat Jörg das Buch aber auch nie gelesen. Fest steht, dass er sich irgendwann von ihm getrennt hat. Oder das Buch sich von ihm. Bücher können wie Katzen sein. Sie können eine Weile lang verschwinden und dann wieder auftauchen, als sei nichts gewesen. Manchmal bleiben sie auch verschwunden. Für Immer. Bücher können anhänglich sein, so als bräuchten sie Aufmerksamkeit. Nur schnurren können sie dabei nicht. Aber auch Bücher haben mitunter ihren eigenen Willen.

Vielleicht hat Jörg das Buch versehentlich irgendwo liegen lassen, es verloren oder jemand hat es sogar gestohlen; oder auch - was nicht das gleiche sondern viel schlimmer ist – jemand hat es ausgeliehen und nicht zurückgegeben. Bücher entleihen und nicht zurückgeben ist die schlimmste Sünde, die ein Mensch begehen kann. Es ist die Geißel der öffentlichen Bibliotheken und für private Bücherbesitzer schlicht und ergreifend ein tief empfundenes, moralisch-kulturelles Erdbeben. Das Vertrauen des Bibliophilen in seine Mitmenschen bricht bei einem solchen Erlebnis nicht selten völlig in sich zusammen, so wie ein Glasnudelrestaurant in Kobe bei sechs Komma fünf auf der nach oben offenen Richterskala, ja, manchmal geht es unwiederbringlich ganz verloren, versinkt in den Tiefen der Enttäuschung, die dunkel sind und weiter hinabreichen als die St. Andreas-Spalte. Die Wunden sitzen also in jedem Fall tief. Vergesst das nie. Sagt es auch euren Kindern: So etwas tut man nicht!

Und wenn wir schon dabei sind: Der Mensch hat gefälligst auch die Bücher selbst gut zu behandeln. Die eigenen wie die entliehenen. Keine Eselsohren und Knicke, bitte! Bücher lässt man auch nicht aufgeschlagen liegen, denn der Herr schenkte uns das Lesezeichen. Genausowenig werden am Rand Notizen oder Zeichnungen gemacht! Selbst dann nicht, wenn sich über einer Seite gegen Ende des Buches die Ketzerformel Raum für Notizen befinden sollte. Seit Gutenberg den Druck erfand, werden Bücher nicht mehr per Hand geschrieben. Auch nicht teilweise! Es ist verboten, ein für alle Mal untersagt! Das tut doch weh!

Es steht übrigens völlig außer Zweifel, dass Jörg sich dieser grundsätzlichen Pflicht zur Höflichkeit den Büchern gegenüber bewusst war und dass er darauf achtete. Wir wissen nicht viel über ihn, aber das wissen wir, denn das Buch ist in einem hervorragenden Zustand.

Die Frau vom Eingang schnaufte mit einem großen Karton voller Bücher an mir vorbei und verschwand dann mit rumpelnden Geräuschen in einer Ecke, wo ich sie zwar nicht mehr sehen, dafür aber gleich darauf um so besser hören konnte. Plötzlich brüllte sie durch die ganze Scheune, ob ich mal mit anfassen könne. Ich fühlte mich tatsächlich angesprochen, bis ich in leiser Entfernung eine Männerstimme antworten hörte. Sie schien aus den oberen Räumen zu kommen. Ihren Urheber bekam ich jedoch nicht mehr zu Gesicht. Denn obwohl sie noch mehrfach nach ihm rief und laut seinen Namen grölte, antwortete er zwar stets, erschien jedoch nicht.

Ich nahm meinen Bücherstapel und ging zur Kasse. Die Frau gab mir eine Plastiktüte und dann noch eine zweite, stabilere, nachdem die erste gleich beim Einpacken gerissen war. Wieder rief sie nach dem Mann, gab mir Mengenrabat, das Wechselgeld und beschrieb mir auch noch den kürzesten Weg zum Elbufer.

Erneut rief sie seinen Namen und ich ging zum Ausgang.
Der Mann hieß Jörg. Eine Nebensächlichkeit, die mich entgültig davon überzeugt hatte, dass ich die Memoiren besitzen muss.




© www.michael-helming.de 2005
 
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